Mittelpunkt

Heute Zeichnungen aus dem „Kompass Verlagsprogramm 2008“ und in einem Ringbuch gefunden, die den folgenden Text mit veranlasst haben. So ganz genau weiß ich nicht mehr, welche Gedanken mir während ihrer Verfertigung durchs Hirn gespukt sind, sie fühlten sich in dem Moment aber vollkommen logisch an (zu Schrozberg gibt es beim entsprechenden Bild auch noch Text).

Kopf

Die während der Jahre sporadisch gesammelten Notizen haben sich zu einem veritablen Buchprojekt ausgewachsen. Eine Zwischenbilanz ziehend, betrachte ich auf einer Karte die Orte der bisher beschriebenen Touren. Wie wäre es, nach rein mathematischen Kriterien, einen Bereich zu definieren, in dem ich dann ein paar Tage wandernd verbringe? Es brächte etwas Neues ins Spiel: neben Strecken-, Rund-, und Gipfel- nun auch eine Mittelpunkts-Tour. An einem nicht willkürlich, sondern streng logisch gewählten Ort. Schnell entscheide ich, nur solche Punkte zu wählen, die im äußeren Wanderbereich der Karte liegen, so dass ausschließlich in stumpfen Winkeln aneinanderstoßende Verbindungslinien die entstehende Form umschließen. Das erste, was ich bei der Recherche zur Bestimmung des Mittelpunkts lerne ist, dass man eine solche Form „unregelmäßiges konvexes Vieleck“ nennt. Der nächste Lerneffekt ist, dass es gar nicht so leicht ist, davon eine Mitte zu ermitteln. Formelsammlungen und Diskussionen in Internet-Foren laufen immer auf das Gleiche hinaus: es gibt verschiedene Methoden, die aber jeweils nur Annäherungen erlauben. Letzten Endes kommt Willkür ins Spiel. Ich beginne zu verstehen, warum der Mittelpunkt Deutschlands umstritten ist, weshalb verschiedene Gemeinden Anspruch darauf erheben (die Vermarktungs-Möglichkeiten eines solchen Status dabei immer im Blick). Wenn dem so ist, dann kann ich machen, was ich will. Zunächst verbinde ich jeden einzelnen Punkt mit allen anderen. Erkenntnisgewinn gleich Null. Ein einziges großes Linien-Wirrwarr macht es unmöglich, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Als nächstes zeichne ich ein genordetes Rechteck, auf dessen Linien sich der je westlichste, nördlichste, östlichste und südlichste Ort befinden. Zwei Diagonalen ziehen, und der Mittelpunkt ist klar. Allerdings ist diese Methode unbefriedigend, da sie alle Nicht-Extrempunkte unberücksichtigt läßt. Als Problemstellung denke ich mir aus, dass in den Punkt-Orten Freunde wohnen, die sich treffen wollen, und zwar dort, wohin jeder die gerechtestmögliche Anreise-Strecke hat. Klingt vernünftig, klingt logisch, aber anstatt eines Ergebnisses bekomme ich einen Knoten im Kopf. Ich übertrage die Punkte auf Karopapier und spiele Varianten durch: Aufteilung der Form in einzelne Dreiecke, Winkel-Teilungen, In-verschiedene-Rechtecke-Einzeichnungen. Ergebnis: entweder keines, oder völlig verschiedene. Ich beschließe, darüber zu schlafen, und morgen weiter zu machen. Nach frühem Aufstehen gehe ich wieder zum Atelier. Es hat in der Nacht geschneit. Der Weg durch den Hofgarten ist noch nicht geräumt und ich bin der Erste, der, während es allmählich hell wird, durch die frische Schneedecke stapft. Es macht Lust auf eine Winter-Wanderung, aber das geometrische Problem treibt mich wieder zu Block und Geo-Dreieck zurück. Als die (auch optisch) attraktivste Methode erweist es sich später, die Strecken der Seitenlinien zu teilen, diese Hilfspunkte zu verbinden, die entstandenen Linien wiederum zu teilen, erneut die neuen Punkte zu verbinden usw. usf.. Wie die Zeichnung von einem Edelstein sieht es aus, und ich habe die Vermutung, dass nun alle Entfernungen gleichmäßig berücksichtigt werden. Irgendwann nähern sich die einzelnen Punkte bogenförmig einem eindeutigen gemeinsamen Fluchtpunkt an, den ich, weil die Strecken inzwischen selbst für einen gespitzten Bleistift zu klein geworden sind, schließlich freihändig einzeichne. Das gleiche Spiel mache ich danach noch mit den Extrempunkten W/N/O/S. Anderes Ergebnis. Aber zumindest ist nun klar, dass ich, wie ich es auch anstelle, immer im schwäbisch-fränkischen Grenzgebiet lande. Auf einer Karte trage ich die bisherigen Ergebnisse ein, um dann den Mittelpunkt der entstandenen Form mit der Teilungs-Methode zu bestimmen. Das Ergebnis ist: Schrozberg. Die Drei-Generationen-Wanderung, das finstere lustige Gasthaus! Zweifel sind aber angebracht, denn erst jetzt realisiere ich, wie extrem ungenau mein Vorgehen ist: Mit unpräzisem Gerät hantiere ich in einem Bereich, in dem 16,2 cm etwa 1200 km entsprechen. 1mm Abweichung bedeutet mehr als 7km Strecke, also mehr als der Bereich zwischen zwei Kartenfalzen auf einer 1:50.000er-Karte. Ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, auf der kleinen Übersichtskarte die Start- und Zielorte präzise einzutragen. Hier ein Fehler, dort eine Ungenauigkeit, und schon ist man, beispielsweise, nicht mehr in den herben Hügeln der Eifel, sondern bereits in der nieselregnerischen Flachheit des Niederrheins gelandet. Beim Betrachten der Karte wird mir auch bewusst, wie klein letztlich der Bereich ist, in dem ich mich bisher bewegt habe. Das ist einerseits enttäuschend, andererseits fällt mir ein Gespräch mit dem Bruder ein. Es drehte sich darum, dass man in einem einzigen Kartenblatt-Bereich Monate, wenn nicht sogar Jahre, verbringen könnte, und dort unentwegt Neues entdecken. Oder bereits Vertrautes unter neuen Bedingungen. Des weiteren kommt mir eine Fahrt in das Sauerland in den Sinn. Durch das Ruhrtal fahrend betrachtete ich eine Weide und stolperte über den Gedanken, dass jeder Mensch diese anders wahrnimmt, und dieser, je nach Stimmung oder Wetterlage, wieder anders. Ein schlechtgelaunter Tiefbau-Ingenieur anders als ein mit sich und der Welt im Reinen befindlicher Bauer. Ein angstvoller Soldat im Kampfeinsatz naturgemäß anders als ein verliebter Schüler, der dort mit seiner Liebsten spazieren geht. Wieder völlig anders Geologen, Naturschützer, Förster, Inselbewohner, Flüchtlinge, Bergdorfbewohner, Autoren, Hoteliers, Maler… Bücher fallen mir ein. Arno Schmidt: „Die Leute (…) wundern sich manchmal, dass die Gegend hier so öde wäre. Wenn sie nämlich, mit einem meiner Bücher in der Hand dann einen beschriebenen Weg entlang gehen – und sie sehen – nichts. Das liegt natürlich daran, dass ich diese Wege 100 Mal gegangen bin (…)“. Ignatz Hennetmair schreibt über einen Spaziergang mit Thomas Bernhard: „Wir gingen damals gerade den Stacheldrahtzaun einer Weide entlang, und ich sagte zu Thomas: Wenn ich den Draht ansehe, das alleine müsste den Stoff für ein Buch geben. Vom Erz angefangen, wo es herkommt, bis es zu Stacheldraht wird (…) da ist alles enthalten, von der Landwirtschaft bis zum Viehändler und der Wurstfabrik (…)“. Hans Kammerlander: „Die Schwierigkeit der Route zählt nicht unbedingt, (…) Ein kleines, aber intensives Stück Glück oben in den Bergen. Das ist es. Der Weg dorthin ist Schweiß, ist Fels, ist Eis, übersät mit Stolpersteinen und Glücksperlen“. Zur Einordnung: Er war auf dreizehn Achttausendern, darunter solo auf dem Mount Everest, inklusive erster Ski-Abfahrt vom Gipfel. Meine Lieblingstour von ihm ist jedoch (Konzept!) diese: „Alle vier Grate des Matterhorns im Aufstieg und innerhalb von 24 Stunden“. Anderl Heckmair: „Bei meinen bergsteigerischen Unternehmungen hatte ich allzeit den Grundsatz: es kommt nicht auf die Leistung, sondern auf das Erlebnis an, (…)“. Von ihm stammt auch die Antwort auf die Frage eines Reporters, wie das denn sei, wenn man mehrere Tage in einer Wand verbringe, man müsse doch irgendwann, also, die Notdurft, da rede man ja kaum drüber, was man denn dann mache? „Obischeiß’n“. Das alles ist zwar schön, löst aber nicht mein Präzisions-Problem. Darum schreibe ich, es hätte mir viel früher einfallen sollen, meinem Cousin, welcher ein frisch diplomierter Kartograph ist, einen Brief mit der Bitte um Hilfe. Tilmann antwortet ausführlich und er macht verschiedene Vorschläge. Die Rechteck-Idee hatte ich bereits. Die Karte-Ausschneiden-und-auf-Nadel-Auspendel-Idee mag ich nicht sehr, weil das eine Schwerpunkt-, keine Mittelpunkt-Ermittlung ist. Sehr reizvoll dagegen ist sein dritter Vorschlag: Ein Gitternetz-Raster mit X- und Y-Achse über die Karte legen; die jeweiligen Entfernungen vom Nullpunkt aufsummieren, durch die Anzahl der Orte teilen: fertig ist der Durchschnitts-Ort. Diese Methode hat den zusätzlichen Vorteil, dass ich, unabhängig von irgendwelchen stumpfen oder spitzen Winkeln, sämtliche Orte aus dem Text-Konvolut, sogar anteilig nach Häufigkeit der Erwähnung, verwenden kann. Das Ergebnis ist: Schrozberg. Kopfschüttelnd sitze ich vor meiner Rechnerei und beschließe, dass das dort Erlebte sowieso nicht zu übertreffen ist. Es gibt neben all den Genuss-, Wut-, Ehrgeiz-, Angst-, Trainings-, Spaß-, Gesellschafts-, Einsamkeits-, Ausnüchterungs-, Berg-, Flachland-, Regen-, Sommer- und sonstigen Wanderungen eben noch eine weitere Variante, über die Frank Gebert schreibt: „Landkarten sind etwas Großartiges. Man kann sich mit ihrer Hilfe nicht nur im Gelände orientieren, sondern auch im stillen Kämmerlein viel Spaß haben“. Mit anderen Worten: Die Mittelpunkt-Wanderung hat längst stattgefunden. Im Kopf.

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