St. Anna 4-6 „Bewegung“

Tag 4

Nachtgedanken: Heuschnupfen-geplagter D. sinnierte darüber, dass Psychisches körperliche Auswirkungen habe, genauso wie Körperliches psychische Auswirkungen habe. Warum ist mir nicht sofort Spinoza eingefallen? Schade, dass ich seine „Ethik“ nicht hier habe, er schreibt Schönes zum Thema „Körper und Geist“ bzw. über die Aufhebung der Trennung derselben.

Da war noch Etwas, das ich unbedingt notieren wollte, aber es ist mir entfallen. So ist das, wenn man Halbschlaf-Gedanken nicht sofort notiert, sondern erst pinkeln geht, obwohl es noch nicht akut dringend ist. Die Senkrechte und das helle Licht vertreiben Hypnagogisches und dessen ganz eigene Magie. Komisch, dass ich das Wort erst jetzt benutze, spielte es doch schon in der ersten Nacht hier eine gewichtige Rolle.

6:55 h: Nach intensivem Traum (Gebäude? Freunde? Worum ging’s? Verarbeitung von Erlebtem vermutlich) in der Aufwachphase ein geradezu fotografisches Bild von einem mäandernden Bach im Kopf. Es geht über in das Geräusch von draußen Regen. Und ist doch wieder nur das Gluckern der Infusion. Der Himmel draußen ist blau.

Schwester M. hat bemerkt, dass ich nicht mehr das Betttuch anhabe. „Hey, Sie haben ein T-Shirt an“! „Ja, weil Sonntag ist, ich wollte Ihnen eine Freude machen“ – „Ich hab das bemerkt“, und strahlt.

Zum Frühstück diesmal ein Ei.

Die Bettnachbarn stellen fest, dass sie beide aus Schlesien stammen. „Entschädigungslos enteignet“. Gegend: Schneekoppe. Dann Flucht, Dresden, Krankenhaus, dann die Bomben. Ich natürlich sofort daran gedacht, dass ich gestern von der Lesereise Rowohlt / Vonnegut (München – Leipzig – Dresden. „‚Warum denn ausgerechnet M, L, DD?‘ fragte mein Freund Ebi. ‚M wegen Hanser, L aus Quatsch und DD wegen DD.‘ – ‚Sag das doch gleich‘, sagte Ebi“.) gelesen habe, und wie „Schlachthof 5“ mein Einstieg in den Vonnegut- Kosmos war.

Huckingen heißt der Stadtteil, in dem ich gerade bin, höre ich gerade, das hatte ich ganz vergessen. Und schon bin ich gedanklich wieder in der Malteser-Station in der Innenstadt, wo die Dame am Empfang mir den Weg hierher beschrieben hat.

Während des Mittagessens (Schweinebraten mit Wirsing und traurigen Klößchen bzw. Kloß-Kügelchen) wurde die Verkabelung bzw. das mobile EKG entfernt.

Dem Harry-Buch entnehme ich, das man Swim-Two-Birds, die titelgebende Insel auf dem Shannon, von Clonmacnoise aus sehen könne. Ich muss das Buch endlich mal lesen. Ich könnte schwören, dass ich das sogar mal getan habe, lange, bevor ich Etwas über Eire wusste, aber das war wohl Einbildung, ich besitze das Buch nicht, kann mich an keine Handlung erinnern, und verliehen habe ich es wohl auch nicht.

Etwas Geheimnisvolles umgibt dieses Buch.

(Nachtrag spät am Abend: Später beschreibt Rowohlt die Handlung. Beleidigte Roman-Figuren. Bin sicher: gelesen + verliehen)

„Alles gut“ ist offenbar das neue „Okaaay“, ich höre es ständig überall. Schrecklich. Ich habe da immer sofort Silly im Ohr: „Alles wird besser, aber nichts wird gut“.

Man merkt, dass heute Sonntag ist, quasi Besuchstag, jedenfalls bei den Zimmergenossen. Sohn des Lungenmanns (Bauarbeiter?) schneidet ihm den Bart bzw. rasiert ihn. Tochter mit riesigem „Michael“-Tattoo am Arm.

Hätte ich jetzt gerne Besuch? Weiß nicht. Hab eh keine Lust, noch mehr Leute mit der Story zu erschrecken bzw. sie nochmal zu erzählen. Das mache ich, wenn ich hier raus bin.

Wintersport (Skiflug Damen, Biathlon Herren) mir völlig egal, aber als Hintergrundgeräusch irgendwie anheimelnd. Parallel dazu Lektüre von Rowohlt-Filmkritiken.

Stunden später, nach dem Abendessen, eine schöne Koinzidenz: Harry lesen, während im Hintergrund die „Lindenstraße“ läuft. Habe ich seit Jahrzehnten nicht gesehen und auch nicht vermisst. Schaue sie heute auch nicht, hebe nur einmal kurz den Kopf, ist ansonsten Hintergrundgeräusch.

Mein Wunsch nach Wasser wurde dergestalt beschieden, dass die Kisten vor der Türe stünden, so dass ich erstmals, seit ich hier bin, das Zimmer verlassen habe, wenn auch nur kurz.

Ich stelle fest: „Lindenstraße“ zwar in neuem Style, aber immer noch unerträglich.

„Tatort“ – auch ewig nicht gesehen, auch nur Klangteppich zur Lektüre.

Nun EM-Quali NED-GER. Bin müd, deswegen auch nur Klangteppich, obwohl ich den „Fernseh“ (Rowohlt) anstarre.

Korrektur: unterhaltsam und spannend. 2-3 (HZ: 0-2).

Tag 5

Nachdem ich vom Arzt das OK bekommen hatte, mich wieder mehr zu bewegen, wurde das schiere Herumlaufen mir wichtiger als die Zeichnerei. Oder ich hatte einfach vergessen, Papier und Kugelschreiber mit in die Gänge und auf den Hof zu nehmen.

Nachtgedanken (0:05 h): Hellwach. Heute kein Husten, dafür eine Art Pfeifen, Schnaufen, Röcheln nebenan, manchmal abrupt und explosionsartig. Es plätschert der Infusions-Brunnen. Ein plötzliches Lachen im Schlaf vom Lungenmann. Normale Schnarchgeräusche gesellen sich hinzu.

Wie kann ich mit dem gesammelten Material arbeiten? Eine Art Katalog schwebt mir vor. Die Original Text-Blätter, gestraffter Text, Zeichnungen.

„Im Lungen-Gärtchen“ („Gärtlein“?), denkt es in mir, während ich dem Infusions-Brunnen lausche. Ein Steinmäuerchen, bemoost, irgendwo in Irland. Farn. Feensträucher. Rundherum sanfte Hügel. Ein kleiner See. Zwei schlafende Hunde, die kehlige Laute von sich geben. Ein leises Knurren.

Habe ich überhaupt vermerkt, wie ich vor den Mahlzeiten „Zeit“-Artikel heraus suche, die ich dann lese? Längst bin ich bei denen angelangt, die ich unter normalen Umständen nie lesen würde. Die oft interessanter sind als die, welche ich unbedingt gleich zuerst lesen will.

Warum schreibe ich eigentlich immer von „Brunnen“? … „Quelle“!

Traum: Mit O., orangenem VW-Bus und zwei Anderen in der Reitbahn. Ein Block mit Filmen (?!??) fehlt. „Irgendwo im mittleren Bereich“. Ich haste zur Wohnung, viele Kartons, finde aber nichts. Zuvor mache ich Fotos. Noch zuvor Begrüßung. „Wo geht’s heute hin? Heglauer Wasen“? Die Herleitung habe ich vergessen. Dunkel erinnere ich mich an einen Waldweg. Jäh weckt mich eine laute Krankenschwester, die den Lungenmann versorgt.

Der magische Zauber der letzten Tage geht langsam in eine gewisse Banalität über.

Infusionen abgesetzt, nachdem ich wahrheitsgemäß gesagt habe, dass ich literweise Wasser trinke (running gag der letzten Tage: abwechselnd Medium und Still. Interessant: Medium in Glas-, Still in Plastikflaschen, obwohl beides von Rheinfels Urquelle). Und die Verkabelung, die gestern entfernt wurde, heißt Telemetrie.

Im 2. Stock Bauch-Ultraschall. Alles gut (UAAHHH!!!), aber die Ärztin unfreundlich-schweigsam. Ein seltenes Phänomen hier.

Weiter im Rowohlt-Text. Immer wieder holt mich O’Brien ein, speziell At-Swim…

Heute erneut das Gedicht „Workman’s Friend“, welches wunderbar zu meiner Situation passt (wenngleich zur Zeit ohne die Conclusio am Schluss):

When money’s tight and is hard to get

And your horse has also ran,

When all you have is a heap of debt –

A PINT OF PLAIN IS YOUR ONLY MAN.

Übersetzen tue ich es nicht auch noch, es genügt, dass in „Pooh’s Corner“ zehn Übersetzungen zur Auswahl angeboten sind (S. 165, 166, 173, 174).

Harry Rowohlt, „Pooh’s Corner, Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand, gesammelte Werke 1989-1996“, Kein & Aber AG Zürich, Neuausgabe 2009 – außerdem hier gelesen: die gesammelten Werke 1997-2009, 2. Auflage 2010.

Dr. M., betreuender Arzt. Gutes Gespräch, gute Infos, möglicherweise morgen nach Hause. Und mit seiner Genehmigung einen ersten Spaziergang durch die Station gemacht. Endlich wieder Bewegung.

Es ist gemein, aber… der Lungenmann ganz dünn, geradezu zart, seine Tochter gut im Futter (Sohn ebenfalls), und die Enkelinnen (blond und schwarzhaarig)… man muss es so sagen… echt fett (vgl. „In Bruges“, Colin Farrell + die Amis).

Nach dem Mittags-Lammgulasch (mit Gemüsereis) der erste ernsthafte Test: 2x hintereinander von der ersten in die dritte Etage. Nach dreieinhalb Tagen im Bett bzw. im Zimmer natürlich noch ein wenig eingerostet, aber weder Schmerzen noch Atemnot.

Nun ist auch der Thrombosestrumpf da. Was die Leute immer haben, von wegen stramm und so – viel angenehmer als die Binden, und wenn der Unterschenkel sich tagelang wie ein Ballon kurz vor dem Platzen angefühlt hat, dann ist es schön, so eine Stabilisierung zu spüren.

Nach langem Irren durch die Flure schließlich endlich mal wieder draußen an der frischen Luft. Und wen sehe ich vor der Raucherkabine? Die coole Schwester aus der Intensiv, die tätowierte, mit Kippe in der Hand und einem Lächeln auf den Lippen. Ich selbst ringe lange mit mir und beschließe schließlich, dass, zumindest solange ich hier bin, absolutes Fluppenverbot besteht.

Von wegen.

Eine halbe Stunde später zieht es mich erneut vor die Türe, auf ein Test-Kippchen. Bei schönem Blauhimmel-Regendunkel-Kontrast, davor blühendem Baum und Krankenhaus-Fassade mit DDR-Anmutung, stelle ich fest: schmeckt! Und zwar nach der Pause sogar noch besser! Folgerung: Ganz aufhören will ich nicht, es geht um Ritualisierung und Reduktion, sprich: die Kosten drücken, den Genuss steigern.

Zum Kaffee? Nach dem Essen? Nach dem Abendessen jedenfalls nochmal raus. Schön, blühende Bäume zu sehen. Nicht so schön: je länger lauf, desto Unterschenkel-Verfestigung nach wie vor, trotz Kompressionsstrumpf. Da braucht’s wohl noch Geduld, ist schließlich gerade mal vier Tage her, dass die Diagnose kam – nach 1 Woche Schmerzen.

Tag 6

Der Lungenmann: „Scheiß Nacht, ne“?

Der Schlesier: „Ja, die Schmerzen“.

Wieder schlecht einschlafen können. Wieder bildreiche Träume, aus denen ich am Morgen gerissen wurde, nachdem ich endlich zur Ruhe gekommen war.

Wie vermutet, stammt eine der Schwestern aus Sachsen. Kurzes Gespräch darüber, dass die Wiedervereinigung schon ganz schön lange her ist und die Mauer schon länger verschwunden, als sie gestanden hat.

Der Zauber der letzten Tage ist verflogen, ich will hier nur noch weg.

Schönes Schlussbild: rauchende Schwestern und Pfleger im Hof. Und passend zur hiesigen Lektüre erinnert es mich an ein Foto von Harry Rowohlt: rauchend in einem Krankenhaus-Hof in Hamburg.

Herzliche Verabschiedung von meinen Zimmergenossen. Der eine hat Reha in Bad Salzuflen vor sich, der andere kriegt noch einen Defi eingebaut und zieht dann in seine neue Erdgeschoss-Wohnung, weil er es in den zweiten Stock nicht mehr schafft.

Mein Bett ist bereits aus dem Zimmer verschwunden.

Kaum, dass ich das Gebäude verlassen habe, ruft T. an. Ich setze mich auf eine Bank und erzähle vom Erlebten. Danach fahre ich zurück nach Düsseldorf.

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2 Kommentare

  1. Maestro, hier freut man sich über das geglückte Ansengen der Lunte des allerletzen Hoffnungsfunkens und Du schäkerst derweil mit polnischen Pflegerinnen bei irischer Lektüre in schlesischer Nachbarschaft.
    Ohne Kippen!
    Dann hoffe ich doch sehr, dass Du Harrys Weg noch eine sehr lange Zeit nicht folgen wirst und wünsche Dir gute Besserung.
    Brodworschd und Sauerkraut und a Seidla!

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    1. Danke! Bin seit Dienstag wieder zuhause, fühle mich schon deutlich besser, habe mir genüsslich in der „Sportschau“ die drei Tore angeschaut – und muss mir endlich „At Swim Two Birds“ nachkaufen. Das erwähnte Harry-Foto hatte mir übrigens seine (damals noch nicht) Witwe geschickt, nachdem ich ihm zum 70. gratuliert hatte, aus der Stammkneipe von Flann O‘Brien in Dublin…

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