St. Anna 3 „Locker machen“

Tag 3

Mein Bettnachbar brachte gestern den schönen Spruch „die beste Krankheit taugt nix“.

Die Blutabzapferin nach dem Frühstück war die Erste hier, die halbwegs unfreundlich war. Die mollige M. hingegen, die Bein-Einwicklerin und Infusions-Beauftragte: nett wie immer.

Heute erstmals latent genervt. Aus dem Schlaf gerissen worden. Aus dem Halbschlaf, während ich noch über einen Traum nachdachte. Duschen (angenehm und nötig), Frühstück, Eltern-Anruf, auflegen, Blutabnahme, „hier drücken“, Beinwickel, Infusion (-s-Ständer auf der falschen Seite). Einziger Ruhe-Moment heute bisher: Zeitungslektüre während des Brötchen-Kauens.

Nikotin-Entzug? Deswegen latent mies gelaunt?

Gestern war der erste Tag seit vielen, vielen Jahren ohne Zigi und Alk. Ging, war machbar.

Komische Atmosphäre heute. Als ob alle ein wenig genervt wären. Himmel grau, gestern war er blau.

Beim chronischen Huster findet sich keine Vene zum Abzapfen mehr, bzw. schwierig. Erinnert mich daran, wie viele Schwestern sich gefreut haben, wie leicht das bei mir ging.

Mir fällt ein, wie ich vor dem Einschlafen darüber sinniert habe, ein Gelübde abzulegen, statt Jägermeister das Rauchen betreffend.

Ist das echt erst zwei Tage her, dass ich am Fürstenplatz saß und die Malteser kontaktiert habe, nach dem Horrortrip zur Kruppstraße und zurück? Wahnsinn. Zeit ist wirklich relativ.

Ist das jetzt gut oder schlecht, dass ich die Story nicht „live“ in Social Media verbraten kann? Zeichnungen, Fotos, Texte – alles da! Aber ich denke, dass es besser ist, dort nichts posten zu können.

Ein rührendes Bild, wie die zwei schwer lungenkranken Alten gebannt und parallel den Parallel-Snowboard-Slalom der Damen schauen. Euphorische Reporterstimme, ansonsten Stille bzw. das Blubbern der Infusion und gelegentlich Husten.

Nach zwei Tagen Tee, Fenchel zumeist, jetzt ein erster Nachmittags-Kaffee, nicht zuletzt, weil ich nach zwei Schlechtschlaf-Nächten arg müde bin. In Kombination mit Harry-Lektüre natürlich Kippen-Schmacht…

U., A. und T. wissen es nun auch. Muss / will ich noch wen informieren? Ach was, das will und muss ich nicht. Erst mal nach dem Motto „Mensch, geh in dir – war ick schon, is ooch nischt los“ (bzw. Bienenschwarm im Kopp).

Immer wieder muss ich an Ärztin J. denken. Ihren Seufzer bezüglich Raucher – „Leute wie Sie, 10 Jahre später“… Die Kardiologin muss es wissen.

Schon seit ich hier bin, überlege ich, woran mich das Bild „ich im Bettbezug-Kittel mit Infusions-Ständer zum Klo dackelnd“ erinnert. Film? Comic? Da gibt es etwas, ich weiß es, ich komme nur nicht drauf. „Dumm und Dümmer“ evtl.? Nicht Jim Carrey, sondern der Dings. Ich glaube, die Richtung stimmt (Jack Nicholson? Meint B.).

CD von Cally Anna, „Lost At Sea“, dank N. und J. , die bei ihrem Konzert in der Nähe von Westport gewesen waren, mit Widmung und der Aufforderung: „Let me know what you think“. Herrlich! Schade, dass ich sie noch nicht anhören kann. Schönes, langes Gespräch mit B.. Er brachte mir nicht nur die irische CD mit, sondern auch Laugen- und Käsegebäck.

Die den Lungenmann versorgt, ist die Herz-Ultra-Ärztin mit tollem Ost-Europa-Akzent, die mir ein gutes Herz bescheinigt hatte. „Lockerr machen“ – „Sie haben zu schnell gedrückt“ – „stimmt, ich habbe zu schnell gedrückt“. Außerdem hat ihre Jacke ein schönes, intensives Blau. Coelin mit einem Schuss Ultramarin?

„Landfrauenküche“ führt zu Gespräch mit dem Bettnachbarn. Kommt aus Schlesien. Gespräch über Fleisch, Bayern, Österreich etc…. Danach gab’s dann das übliche, laffe Abendessen. Aber immerhin Abendessen.

Langes Telefonat noch mit D.. Danach Wechsel von Nachthemd zum (nicht mehr ganz frischen) Croagh Patrick-Shirt. Die resolute (polnische?) Schwester M. hat jedesmal gemeckert über das Betttuch (sie ist allerdings sehr lustig), und ehrlich gesagt fühle ich mich darin tatsächlich wohler.

Jeden Abend hört man im Hof das Geräusch von Rettungswagen-Türen bzw. das Zuknallen derselben. Und jedesmal sehe ich dann Berti und Brenner vor mir und denke „Scheißhaisltour“.

Wieder das nächtliche Röcheln und Husten plus Infusions-Blubbern, das wie ein Brunnen klingt. Und wieder viele Gedanken im Kopf, allerdings mit weniger Müdigkeit, so dass ich beinahe noch schlechter einschlafen kann.

Interessant war am frühen Abend eine Sendung über die Steinzeit. Beginn der Aufteilung in Jäger+Sammler sowie Bauern; Kriege, Beerdigungs-Rituale, Leichen ohne Abwehr-Verletzungen, Holz-Analysen zur Klima-Bestimmung. Sesshaftigkeit als Beginn von Krankheiten (Pest, Masern…), weil Menschen ständig in der Nähe von Tieren waren. Fundorte in Feldern in der Provinz (Ösi, Pfalz, bei Heilbronn). Archäologen-Interviews.

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