St. Anna 1 „Intensiv“

„Da streiten sie immer über das Verhältnis von Kunst und Leben und behaupten entweder, daß Kunst und Leben nichts miteinander zu tun hätten, oder, daß sie viel miteinander zu tun hätten; aber Kunst und Leben sind ein und dasselbe.“

(Ludwig Hohl)

Weil es mein erster Krankenhaus-Aufenthalt war, prasselten viele Eindrücke auf mich ein, die ich zeichnend und schreibend festgehalten habe. Tagelang die Wand anzustarren, wäre auf die Dauer sowieso ganz schön langweilig geworden.

Tag 1

Seit etwa 1 Woche Schmerzen im rechten Unterschenkel gehabt. Dachte erst „Zerrung“, wurde aber nicht besser. Vor allem nicht die Schnauferei beim Besteigen des 5. Stocks. Flucht in Ausstellungs-Vorbereitungs-Arbeit und Bier und Filme. Schwellung wurde größer. Anruf bei Notaufnahme Ev. KKH / D half nicht weiter, weil die Kassen-Leistungen ruhen. Danach einfach nur Frustsauf. „In Bruges“ mal wieder gesehen, mitsamt Bonus-Material. Früh ins Bett. Nicht einschlafen können. Irgendwann doch; schlechte Träume bis heute früh.

Einspruch gegen USt-Festsetzung eingelegt. Schmerzen und Maladie, musste den Weg (normalerweise ein schöner 15 min-Spaziergang) in Etappen gehen, mit Pausen bei „Netto“. Erst Leergut weggebracht, dann Sixpack gekauft, mich zum Fürstenplatz geschleppt und recherchiert. In Duisburg gibt es in der Innenstadt eine Stelle der Malteser, die jeden Donnerstag nicht Versicherte kostenlos behandelt. Heute IST Donnerstag, das ist ein Zeichen, du fährst da jetzt so-fort hin, da stimmt Etwas ernstlich nicht!

Freundliche Begrüßung, im Warteraum außer mir ausschließlich Migranten verschiedenster Altersklassen. Der Arzt diagnostiziert sofort Thrombose. Man könne das hier nicht behandeln. Er geht telefonieren und kommt mit der Nachricht zurück, ich solle zum Malteser St. Anna-Krankenhaus fahren, und gibt mir eine Überweisung mit. Nix war’s also mit Spritze, ein paar Medikamenten und heim…

Zunächst wissen die Ärzte im Krankenhaus gar nicht, dass es die Notfall-Stelle gibt.

Die Ultraschall-Untersuchung ergibt „dreistufige Thrombose“ im Bein. Wir besprechen das Versicherungs-Problem, man bietet mir an, mir bis zu dessen Lösung schon mal Tabletten für drei Wochen mitzugeben, legt einen Kompressionsverband an, und als ich beim letzten Gespräch mit dem Arzt (ein anderer als der Binden-Mann, mit dem ich über „Planet Terror“ geplaudert habe) Atemnot beim Treppensteigen erwähne, verschwindet er kurz und kommt mit einem weiteren Arzt zurück. Verdacht auf Lungen-Embolie, Sie müssen hierbleiben. Ich sage, dass ich ein paar Dinge erledigen müsse, und erwähne das Vers.-Problem. Er sei der Oberarzt hier, ich solle jetzt nicht an Geld denken, ich würde keine Rechnung bekommen und überhaupt: Sie bleiben hier, ich darf Sie bei diesem Verdacht nicht gehen lassen. Ok, das war deutlich, also ab zum CT. Geräusche wie bei „Raumschiff Orion“ da drin. Während ich mich in der kleinen Kabine wieder anziehe, kommt eine weitere Ärztin und befiehlt mir, sitzen zu bleiben, man werde mich abholen. Alles klar, Embolie also wohl. Die Nette von der Anmeldung bringt mich zurück zur Notfall-Aufnahme, wo das Herz per Ultraschall untersucht wird. Danach werde ich per Bett zur Intensivstation verfrachtet, wo ich jetzt liege, verkabelt und mit Infusionsschlauch.

Der Herr hinter dem Paravent stöhnt gelegentlich, und ich scheine wirklich Glück gehabt zu haben.

Dass etwas nicht stimmt, wusste ich unbewusst schon länger, hatte es aber auf allgemeinen Frust und Erkältung geschoben. Gelegentliche Panik-Attacken, die nach zwei, drei „lasst mich doch alle in Ruhe“-Bieren aber schnell abflauten.

Weil ich keine Schmerzen habe, kann ich den Aufenthalt bisher sogar genießen. Ich werde umsorgt von freundlichen Menschen, und v.a. habe ich endlich Klarheit. Viel zu oft hatte ich mich in letzter Zeit gefragt, wann ich mich zuletzt körperlich wohl gefühlt habe. Schon bei den letzten Aktionen mit C. habe ich gespürt, dass etwas nicht stimmt, aber wie gesagt, Erkältung und allgemeiner Frust, so habe ich mir das eingeredet.

Vielleicht gar nicht schlecht, mal offline zu sein. Papier zum Zeichnen habe ich schon bekommen, obwohl der Raum so arg viel an Motiven nun auch nicht hergibt.

Etwa 1,5 m von mir entfernt befindet sich hinter einem Türchen mein Rucksack, in dem das Bier vom „Netto“-Einkauf unerreichbar ist. Aber nach Bier ist mir jetzt sowieso nicht.

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