Carsten von Gustloff

Carsten von Gustloff
70/80 cm, 2013

Vom Kitschroman-Fragment, das ich mal geschrieben und für eine Ausstellung mit Film-Figuren bebildert hatte, habe ich bereits ein paar Mal hier berichtet. Für von Gustloff hatte ich Christopher „Chrissie“ Moltisanti aus der TV-Serie „Die Sopranos“ ausgewählt (vgl. Bild „Überlebt“). Hier der Text dazu:

Zuschrift der treuen Leserin Andrea Gelica aus Bremen (39, Fleischerei-Fachverkäuferin, alleinerziehende Mutter einer Tochter): „Wo bleiben die Implikationen, die von Gustloff, Ulanenoffizier niederen Adels, welcher aufgrund Spielschulden zu seiner Welfenverwandschaft nach Britannien geschickt wurde, von diesen weiter nach Jamaica an Bord der HMS Unicorn mit der er auch als Einlage eines Rumfasses retourniert wurde?“

Carsten von Gustloff, ein alter Schulfreund Blomfelds aus Niederwenigen, war ebenso wie dieser dem Kartenspiel zugetan. Da beide die fatale Neigung besassen, nicht unerhebliche Beträge zu setzen, deren Deckung keinesfalls als gesichert zu betrachten war, muss es nicht Wunder nehmen, dass der eine der beiden, Blomfeld nämlich, Unterschlupf als Rittmeister auf einem Landgut suchte, wo er zu seinem unerwarteten Plaisier zwar nicht Cartieren konnte, wie er es insgeheim nannte, dafür aber einem seiner vielen weiteren Laster, nämlich dem Poussieren mit Damen, welche längst anderen versprochen waren, frönen konnte. Die Familie von Gustloff hingegen, welche zwar niederen Adels war, aber nichtsdestotrotz grössten Wert auf Ehre und Anstand legte, reagierte auf die neueste Calamität des frechen Carsten prompt und unerbittlich: Sie schickte ihn zur weitläufigen Verwandtschaft vom Geschlecht der Welfen nach Britannien, wo er im Regiment von Sir Roger Leighton die rechte Zucht bekommen sollte. Sogleich zog er aber den Zorn von Sgt. Goodwill Wolverton auf sich, indem er nämlich nach Erteilung eines delikaten Auftrages, welcher die Grafschaft Donegal betraf, sich weigerte, dorthin zu gehen, und stattdessen lauthals forderte: „Sir, geben sie Gedankenfreiheit“!

„Hei, das wird ein feiner Spass“ dachte Carsten von Gustloff bei sich, während er im strömenden Regen das Deck der HMS Unicorn erklomm. Die Fesseln hatte man ihm abgenommen, weil er zwar ein notorischer Spieler und Querulant war, aber niemals durch Gewalttätigkeiten aufgefallen. Und vielleicht bestand ja die vage Hoffnung bei Sir Leighton, dass bei nicht allzu harter Herannahme doch noch ein tüchtiger Früchte-Händler in Übersee aus ihm werden könne.

Die Überfahrt nach Jamaica verlief ohne Komplikationen, im Gegenteil erwarb sich der junge Offizier aus Deutschland grossen Respekt der Gemeinen, indem er ein Kätzchen, welches sich in der Takelage verfangen hatte, eigenhändig rettete. Derweilen fieberte dieser der Ankunft entgegen, hatte er doch schon viel gehört von der bronzenen Schönheit der jungen Negerinnen, von denen es am Zielort „by far more than enough for anybody of us, ay“ geben sollte, wie es ihm der walisische Smutje John Worgh einmal in traulicher Runde bei einem heimlichen Glase Branntwein hoch und heilig versprochen hatte. Auch von geheimnisvollen Pflanzen wurde auf Deck geraunt. Man könne nach dem Genuss derselben tatsächlich seinen eigenen Körper verlassen. Manche berichteten sogar, sie seien wahrhaftig in die Lüfte des Himmels empor geflogen, wie die Vögel! Nun ist der junge Maat Michael Hunt aus Worchester, der dies mit Inbrunst bezeugte (und dessen gelegentliche Kicher-Anfälle ihn ein wenig unheimlich erscheinen liessen), zwar nicht der hellste Kopf auf diesem Planeten, dachte Carsten bei sich, aber wenn diese Pflanze tatsächlich existiert, so will ich der letzte sein, der sie nicht ausprobiert hat. Auch von einer unterhaltsamen Musik erzählte man sich an Bord der Unicorn. Allerdings erschloss es sich dem jungen von Gustloff durchaus nicht, warum es immer wieder der ansonsten keinem Spass abgeneigte Bootsmann Reggie O’Oilbarrell aus der Nähe von Glasgow war, der bei diesem Thema wortkarg und mürrisch wurde.

(Fortsetzung unvermeidlich…)

Da ist sie auch schon, die Fortsetzung:

Überwältigt von der Pracht des in der Sonne erstrahlenden Eilandes, das umspült war von den funkelnden Wellen des Meeres, betrat von Gustloff den Strand, wo er sogleich zu einem Spaziergange aufbrach. Staunend wand er sich bald hierhin, bald dorthin. War es nicht ein überaus gütiges Schicksal gewesen, welches ihn hierher verschlagen hatte? Bei Gott, hier wollte er bleiben. Während er im Schatten einer Palme innehielt, um diesen wagemutigen Gedanken in den buntesten Farben auszumalen, fiel ihm eine Cocosnuss so unglücklich auf den Kopf, dass er augenblicklich verstarb.

Es war der junge Matrose Billy Preston aus der Grafschaft York, welcher Stunden später den leblosen Körper des Unglücksraben aus Niederwenigen auffand. Da er vom Lande kam, wo man mit den Unbillen des Lebens überaus praktisch umzugehen verstand, schlug er vor, den Leichnam nicht etwa vor Ort zu verscharren, da dies die Fliegen und sonstiges Ungeziefer anzöge, sondern ihn vielmehr in dem Fasse aufzubewahren, welches sich an Deck der Unicorn befand und (den durstigen Kehlen der Besatzung geschuldet) nur noch zur knappen Hälfte mit Rum gefüllt war. Dieses böte erstens genug Platz für den Deutschen, und zweitens bewahre der darin enthaltene Alkohol den nun zwar nutzlosen, aber doch vor kurzer Zeit noch mit einer menschlichen Seele behafteten Körper vor schneller Verwesung. Er könne dann in gutem Zustande in heimatlicher Erde beigesetzt werden.

Was der tüchtige Billy leider nicht bedachte war, dass der Durst der Männer während der Rückfahrt nicht minder gross sein würde. Wenige Tage vor Erreichen des Hafens von Grimsby war der Verwesungsgeruch, welcher von dem inzwischen zur Gänze vom kräftigenden Getränk befreiten Fasse ausging, nicht länger zu leugnen, so dass das Schicksal des Carsten von Gustloff in den eiskalten Fluten der Keltischen See sein vorzeitiges und unwiderrufliches Ende fand.

Ein ähnliches Schicksal widerfuhr übrigens Sir Edward Pakenham, der 1815 als Kommandeur der Britischen Truppen im Kampf gegen die der USA (unter dem späteren Präsidenten Andrew Jackson) in der „Schlacht von New Orleans“ zu Tode kam. Sein Leichnam wurde an Bord eines Schiffes nach Großbritannien zurückgebracht, aus Konservierungsgründen in einem Rumfass, und in Killucan im County Westmeath in Irland begraben. Tatsächlich war Irland für kurze Zeit ein Teil Großbritanniens gewesen, die Wenigsten wissen das, deshalb erwähne ich es hier. Killucan ist nicht weit weg von Mullingar, wo ich einmal bei einem Hunderennen… ich schweife ab…

https://en.wikipedia.org/wiki/Edward_Pakenham

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