Krimi 1/4: „Pilot“

Pilot
20/30 cm, 2006

DIE OHLSDORF-CONNECTION (Schluss)

Nachdem er lange geduscht hatte, ging er hinunter in den Frühstücksraum des Ramser-Inn und setzte sich in eine Nische am Fenster. Er blickte über den Big Dare Lake, der friedlich in der Morgensonne glitzerte. Vereinzelte Segelboote hatten sich bereits auf ihren Weg nach wohin-auch-immer gemacht und vervollständigten den Eindruck tiefsten Friedens. Dabei hatte dort drüben, am Westufer in Old Cathedral, gerade ein Krieg getobt, der mehrere Tote gefordert hatte.

„Mööng’s ähn Ähy?“, fragte ihn Daisy Crowdmiller, die Tochter der Inhaberin, in ihrem Louisiana-Singsang, den er so mochte, und riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Die Sprache war so ziemlich das Einzige, was er hier mochte. „Zwei Eier, Speck, und Kaffee so schwarz wie die Seele von Richie Aprile“, knurrte er. Jeden Morgen fragte sie ihn das, und jeden Morgen bekam sie von ihm die gleiche Antwort, seit drei langen Wochen schon. Nachdem sie ihm sein Frühstück gebracht hatte, goss er einen Schluck Brandy in den Kaffee, und nachdem er alles in sich hineingeschlungen und auf der Terrasse eine Memphis geraucht hatte, fühlte er sich wieder lebendig. So lebendig, wie man sich fühlen kann nach drei Stunden Schlaf und einer Nacht, in der man zweimal niedergeschlagen und beinahe erschossen worden war. Der Muskelkater von der Verfolgungsjagd steckte ihm in den Knochen, die Kratzer vom Sturz in das Gestrüpp am Fuße des Hongar Hill juckten höllisch, aber er hatte es geschafft: Der Sesterz lag sicher im Safe des Deputy Sherriffs, und Sole-Sepp würde, sollte er den Bauchschuss überleben, von Staatsanwalt Manny Pettybeard, der so viel Humor hatte wie ein Sack Zement, derart durch den Wolf gedreht werden, dass er sich wünschen würde, seiner Verletzung erlegen zu sein.

Er wollte nur noch fort aus dieser Gegend voller Lügen und Hass.

Während er stöhnend aufstand, um sich im Gastraum seine Rechnung quittieren zu lassen und sich zu verabschieden, legte das Fährboot aus Debouchure am Ufer an. Drei Sommerfrischler stiegen aus. Sie sahen aus wie Krauts, wie verdammte wandernde Krauts. Von denen Abschied zu nehmen, ist noch kein Mittel erfunden worden.

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„Steg“ ist eines von drei kleinen Bildern, das ich nach einer Doku über die Bergung eines Flugzeugs aus dem Traunsee gemalt hatte (vgl. Bild „Traunsee“). Der Mann ist der Pilot, der bei der Bergung dabei war. https://www.news.at/a/spektakulaere-aktion-flugzeugbergung-traunsee-oberoesterreich-113658

Dank an Seppo, dessen prima Geschichte https://seppolog.com/2018/03/20/detektei-seppo-mord-in-oberbilk-i/ mich dazu animiert hat, den kleinen Text à la Chandler wieder auszugraben, quasi zu bergen. Das Bild passt nicht nur wegen der Gegend, in der es verortet (super Schwurbel-Wort) ist, sondern auch, weil meine Chandler-Sammlung fast nur aus den alten Diogenes-Taschenbüchern besteht, die Schwarz, Gelb und Weiß sind.

https://de.wikipedia.org/wiki/Raymond_Chandler

Weil es noch mehr von diesen Text-Brocken gibt, zu denen ich passende Bilder habe, starte ich hiermit eine kleine Krimi-Serie.

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