Chimäre

Chimäre
Mail-Anhang, 2018

Nachdem der vorherige Beitrag unter der Last der Geschichte fast zusammengebrochen ist, tut ein wenig Auflockerung not.

Der Arbeitstitel für das Bild war „Ich kann beim besten Willen ein Hakenkreuz erkennen“, in Anlehnung an eine Arbeit von Martin Kippenberger: https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_kann_beim_besten_Willen_kein_Hakenkreuz_entdecken

Mit meinem Bruder Bernhard, der nicht nur ein toller Klavierlehrer (mit allerdings sehr fragwürdigem Musikgeschmack, hehe), sondern auch ein begnadeter Zeichner ist, tauschte ich mich über das Bild aus. Er schickte diese Mail… „Schon komisch: jeder weiß und sieht sofort, dass das ein Hakenkreuz ist, aber tatsächlich nur ein Haken. Und ein Haken macht noch kein Kreuz, meine ich. Es könnte genausogut das Schattenspiel eines wamperten Mannes mit einem Humpen Bier in der Hand sein.. siehst Du das auch?“… und hängte diese Bild-ergänzende Zeichnung daran. Und schon hatte und habe ich den Salat: Ich kriege das nicht mehr aus meinem Kopf, Chimären sind echt hartnäckig. Kurz hatte ich überlegt, den rechten (!) Bildbereich zu überarbeiten, aber eigentlich finde ich es gar nicht schlecht, dass man da einen „besorgten Bürger“ sehen kann.

A propos Kippenberger, nach einem Südtirol-Urlaub mit Knie-Aua schrieb ich diesen Text über einen Ausflug:

Der Vorteil einer Zwangspause ist, dass man umdisponieren und Anderes tun kann. Seit Tagen ist die Leserbriefseite der Regionalzeitung in Aufruhr wegen einer Ausstellung im neuen „Museion“ in Bozen, speziell wegen einer Arbeit von Martin Kippenberger. Sein „Frosch am Kreuz“ erhitzt die Gemüter. Das Schandwerk soll weg. Mahnwache jeden Samstag, inklusive Fürbitt-Gebet. Ein Landtagsabgeordneter tritt in Hungerstreik, den er wegen eines Schwächeanfalls aber abbrechen muss. Frau D. analysiert: „Das Werk des Satans. Er hat im Ausland willige Leute gefunden, die er in unser Land mit großteils Menschen mit christlichem Glauben brachte. Und er hat sie fest in seiner Gewalt. Ich bete zu Gott, er möge sich diesen Frevel nicht länger gefallen lassen“. Pfarrer H. schlägt vor: „Könnte nicht einer unserer Standschützen oder Landesjäger durch einen gezielten Schuss den Frosch (…) herunterholen?“. Umgehängt wurde die Skulptur bereits, und bevor sie möglicherweise ganz verschwindet, fahre ich nach Bozen und schaue sie mir an. Ein netter, typischer Kippenberger-Ulk hängt dort friedlich an der Wand. Erstaunlich, welches Skandalpotenzial so eine Arbeit haben kann. Und erstaunlich, wie ironiefrei Menschen vorgeblich festen Glaubens oft leidenschaftlich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sind. Sehr erstaunlich. Nach dem Ausstellungsbesuch mache ich einen langen Spaziergang durch die Stadt und schaue mir die Faschisten-Architektur der Mussolini-Zeit an. Südtirol sollte italienisiert werden, große Siedlungen für italienische Arbeiter wurden errichtet, um die Bevölkerungsstruktur zu verändern. In einer kleinen Pizzeria nehme ich eine vorzügliche Salami-Pizza zu mir, bevor ich in einem Supermarkt noch ein „Moretti“-Bier kaufe, als Reminiszenz an die Aufenthalte in Porto Ceresio.

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4 Kommentare

  1. Landet doch glatt ne Zeichnung von mir hier..
    Hätte ich das gewusst, hätte ich mir natürlich mehr Mühe gegeben. Ganz ganz arg viel mehr Mühe.. jedenfalls sehr sehr viel mehr Mühe als in den ca. 23,7 Sekunden möglich war..

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    1. Ja wattenwattenwatten, ist doch ne spitzen Zeichnung! Vielleicht wäre die behutsame Ausformulierung eines Urheberrechts-Vertrags in der gesparten Zeit sinnvoll gewesen, den gibt es nämlich nicht und somit mache ich mit der Zeichnung, was ich will, hahaa!

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      1. Bist eh genug damit gestraft, Shoshanna hier von nun an immer als eine Dame zu sehen, die gerade endgültig die Scheidung von der wamperten Saufnase beschlossen hat 🙂

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  2. „Rullaladirullala, I bin da Kärwa Kalle“… „Etz hobbi di Schnauzn voll“… Geschichtsklitterung nach einem Bild aus einem Film, der seinerseits Geschichtsklitterung betreibt. Es ist kompliziert.

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