„Virnsberg“

Virnsberg
51/68 cm, 2006

Blog-Bild Nr. 200! Der folgende Text war mein erster „offizieller“, veröffentlicht im Katalog zur Ausstellung „Country“ in der Galerie Peter Tedden in Düsseldorf, wo auch das Bild gezeigt wurde. Er ist ein wenig entschärft, denn ein paar Jahre später musste ich leider feststellen, dass die ursprüngliche Fassung ein wahres Eldorado für Freunde von Komma- und sonstigen Fehlern war. Mit Grammatik stehe ich zwar immer noch auf Kriegsfuß, aber es hat sich gebessert:

(Nachtrag: Weil in dem Text einige Dialekt-Passagen vorkommen, bietet es sich an, auf diesen geschätzten Blog zu verweisen, in dem es kürzlich Unstimmigkeiten zu Dialekt-Ausdrücken gab. https://seppolog.com/2018/03/05/erlass-umdeutung-des-begriffes-geraffel/)

Zwar bin ich urlaubsreif, habe aber wenig Geld. Um niedrige Fahrtkosten zu haben, will ich ein paar Tage durch Nordrhein-Westfalen wandern, finde aber ums Verrecken keine Strecke, die mich reizen würde. Missmutig sitze ich zuhause, düster vor mich hin brütend. Mir fällt ein, dass hier sogar in der Provinz Übernachtungen und Essengehen teuer sind.

Aus heiterem Himmel springt mich ein Gedanke an: Würzburg-Ansbach, das lästige letzte Stück mit der Bimmelbahn, jedesmal wenn ich die Eltern besuche („Ausschdiech in Faddrichdung links, wall rechds falldermer in’ Schodder“)! In drei bis vier Tagen ist die Strecke zu Fuß gut zu schaffen. Übernachtungen und Essengehen sind dort so preiswert, dass ich das zusätzliche Fahrgeld bezahlen kann. Essen und Trinken sind sowieso um Längen besser als hier: Schweinernes und Bier, Klöße und Kraut, dazu an sauern Salood.

Wird es nicht fad werden, durchs flache Maintal zu marschieren, und danach durch die oft baumlose Ebene? Egal, wenn schon, denn schon, und desto schöner wird es dann auf der Frankenhöhe sein.

Freudig erzähle ich dem Bruder vom Plan. Dieser hat überraschenderweise Zeit, Lust sowieso, und innerhalb kürzester Zeit ist die Route besprochen, sind Übernachtungs-Orte festgelegt und Zimmer gebucht.

Zu Fuß durch Franken mit Bernhard

Würzburg-Ochsenfurt

6.58 h ab Düsseldorf. IC. In Köln umsteigen.

11.29 h an Würzburg. Bruder ist bereits aus Hamburg eingetroffen.

Fußgängerzone nervt. Ständig Leute im Weg.

Das Main-Ufer: sieht aus wie in Düsseldorf: gepflasterte Parkplätze unterhalb der Straße. Ein Stück weiter sehen wir das inzwischen übliche „Beach“-Getue: Sandaufschüttung und Liegestühle. Später folgt ein Weiher mit Blechboot mit Mann. Das Boot, wie sich zeigen wird, hat unten dran Rollen. Damit er es nach der Bootspartie hinter sich her ziehen kann. An einer neu gebauten Anlegestelle: ein Lastkahn aus Holland im grellen Gegenlicht.

Große Hitze ohne Schatten. In Unterfranken kein Schatten. Dafür viele Asphaltwege.

Wachsende Blase an der linken Fußsohle. Randersacker–Eibelstadt.

Bei Sommerhausen grüßt von der anderen Main-Seite ein Haus mit Efeu und Frankenfahne an der Fassade. Unmißverständlich fordern die davor stehenden Sonnenschirme unseren Besuch. Schnell über die Brücke, nach Winterhausen. Gasthaus „Zum Schiff“. Tische, Stühle, Bier. Direkt am Ufer. Frau mit Hund kommt, schwimmt kurz, geht wieder. Hund spielt mit Stein. Auf der Wiese Enten und Gänse. Wir nach Durstlöschung kurz mit den Füßen ins Wasser. Später, bei Goßmannsdorf, müssen wir durch eine langgezogene Baustelle. Das Areal fängt klein an, wird aber zunehmend größer, unübersichtlicher und staubiger. Vorbei an Baggern und Abraum.

Ochsenfurt: Einchecken im Hotel „Zum Schmied“. An Bude auf Parkplatz bei Brücke: 1 Caretta-Eis. Danach berlinesk in Hundescheiße gelatscht. Nach der nötigen Reinigungs-Aktion: Treffen mit Helga und Günther. Kneipe im Hinterhof. Lauschig. Lustig. Bierkutscherbraten. Einladung! Nach Verabschiedung zurück zum Hotel.

Absacker vorm Haus quasi mit der Sperrstunde.

Ochsenfurt-Gollhofen

Üppiges Frühstück.

An der B 13 den Einstieg zum Wanderweg verpasst. Spät und umständlich im Bärental gelandet. Viel quer durch Wald. Dazwischen immer wieder Ausblicke über weitläufige Felder. Schmaler Pfad bergab zum Forstweg. Alpen-Assoziation. Plötzlich Quietschen. 2m entfernt liegt versteckt ein Rehkitz. In einiger Entfernung bricht die Rehmutter durchs Gebüsch.

Gnodtstadt. Rast am Spielplatz. Kleine Kinder gucken uns neugierig an.

Enheim. Martinsheim. Bei der Kirche: verlockende Wirtschaft mit „Kesselring“-Bier. Leider geschlossen. Am Ortsausgang ist ein Schild aufgestellt: „Eisenbahnbrücke Gnötzheim gesperrt“. Also Umweg, noch mehr schwitzen. In keinem Ort findet sich ein Gasthof (obwohl auf B.‘s Karte versprochen). In Gnötzheim: Freibad. Im Rucksack: keine Badehose.

Am Brunnen in Herrnberchtheim (nicht „Herrnbrechtsheim“ – B. hat Recht): Junger Bärtiger im Blaumann erkundigt sich woher wohin, bietet Shuttle nach Gollhofen an und Kaffee in seiner Werkstatt, derweil er sich am Brunnen wäscht und schließlich drinsteht (im Brunnen). Wir aber weiter.

Sehr heiß und sehr schwül. „Bananen“-Hubschrauber am Himmel. Gollhofen: „Zum Stern“. 2 Radler. 1 Paar Bratwürste mit Kraut. Zwei Tiefflieger („Area 7“ immer noch?). Erholung im gebuchten Zimmer. Runter, über den Hof, zur Gaststube. Auf den Tischen nur das Nötigste: Pfeffersalzmaggi und Aschenbecher. Gäste teils Stamm-, teils Übernachtungsgäste. Schweden. Holländer. Deutsche mit „Baedeker Steigerwald“. Am Stammtisch zwei Handwerker. Einer von ihnen…(zuhören, Dialekt zuordnen)… möglicherweise Oberpfälzer.

Schweinebraten. 2 Weizen. Hausbrand–Zwetschger. 5,90, 2x 2,20, 1,50!

Kaum auf dem Zimmer: draußen Gewitter. Kleine Handwäsche. TV: Klinsi hört auf. Zizou entschuldigt sich für den Kopfstoß im WM-Endspiel, bedauert ihn aber nicht. Recht hat er (B. ist anderer Meinung).

Später am Abend noch mal runter. Chef bringt 2 Weizen mit 1 Hand. Nicht auf der Handfläche, sondern frei getragen zwischen den Fingern. Prost.

Im Gästehaus: dunkles Schlafzimmer mit Dachschräge.

Gollhofen-Linden

Bereits vorbereitetes schlichtes Frühstück. Hauptsache Kaffee.

Angenehm kühle Morgenluft. In Uffenheim zur Sparkasse. Vor Spk. Frau: „Na, noch eine kesunde Zikarette rauchän?“. Blöde Ziege. Dagegen eine alte Dame: „Zum Glück derf ma noch drausn rauchen, gell?“. Scheint hier das Thema zu sein.

Noch Einkäufe bei „Kupsch“ (u.a. Blasenpflaster – super!).

Nach gemütlichem Kilometerfressen Rast am Horbsee. Die kartographisch angekündigte historische „Keltenschanze“ ist uns nicht ersichtlich; desto mehr die hier wohnenden Mücken und Wespen.

Mörlbach. Dorfplatz. Rast unter Baum auf Bank („Gestiftet von der Sparkasse Uffenheim“; klingt irgendwie logisch). Sonne. Apfel essen. Hinter Mörlbach am großen Steinbruch vorbei. Rechts am Wald entlang, durch eine Obstbaumwiese.

Kaum den Steinacher Kirchturm im Blick: Glockengeläut. Eine Beerdigung findet gerade statt.

Wir gehen auf die andere Seite des Friedhofs, zum Grabstein der Großeltern. Hinter uns Getuschel der alten Leute („Pfarrer Rusam… Enkel?“). Wir bestätigen. Gemurmel geht weiter („Danach Pfarrer Schneider bis…“). Am Ausgang: Freundlicher Mann mit Schnäuzer scheint uns von früher zu kennen. Wir ihn nicht. Oder vielleicht doch? Blaskapellenfranken stehen Spalier.

Runter zur Hauptstraße, über die Bahn zum Talweg nach Wildbad. Dort Radler trinken. 4 Leute am Nebentisch, von einer Beerdigung in Burgbernheim kommend.

„Ach Godd“ -„Naa, war ka Verwandschaft, ned so schlimm“.

„Iiech gricherd an Dee. Naa, ich drink doch kann schwatzn Dee. An Früchdedee“.

Treppe rauf, steil, dann flach durch einen Hain zum Aussichtspunkt „Teufelshäusel“. Großmutter-Erinnerung (Sonntags-Spaziergänge nach Kaffee und Kuchen). Dann Richtung Parkplatz. Auf der Straße weiter. Leichte Steigung. Pralle Sonne. Wir schwitzen wie Sau. Über Nordenberg nach Linden. Erstes Bild: Herr Keitel im Seiteneingang des Gasthofs. Drinnen Begrüßung („Zwaa Rusams–Buaba“ – lange nicht mehr so genannt worden). Ins Gästehaus. Frischmachen. Dann Schweinebraten. Am gleichen Tisch, an dem ich mit Galerist Tedden und Galerist Kalthoff schon saß. Der „Reval“-Raucher gegenüber trinkt wieder Pils.

Abholung durch Onkel Frieder nach Rothenburg o.d.T.. Klassische Musik im Autoradio. Unterwegs hält uns im Industriegebiet eine rote Ampel auf; niemand sonst ist unterwegs. Entspannter Terrassen-Abend mit Onkel Frieder und Tante Karoline. Erzählbegleitung: Nachos + Weißwein. Nach langen Jahren Großmutters kleine Standuhr wiedergesehen. Zum Abschluß noch 1 Bier. Danach Rücktransport zum Gästehaus.

Linden-Virnsberg

Im Frühstücksraum schnell noch Postkarten schreiben. Briefkasten direkt vorm Haus.

Kurz ins Zimmer zurück. Sonnencreme, Pflaster, Hirschtalg. Rucksack packen. Abmarsch.

Kaum im Wald, schon den direkten Abzweig verpaßt. Dann aber doch noch, wie unterwegs oft, auf dem „Finnen-Weg“ (blaues Kreuz auf Weiß) gelandet.

Am Nonnenweiher bei Windelsbach kurze Rast.

Zwischen Hornau und Preuntsfelden ein Kreuz am Straßenrand. Ist hier etwa Zivildienst-Kollege Hartl ums Leben gekommen, von einem 80jährigen Autofahrer wg. Sonnenblendung vom Fahrrad geschleudert? (Nachprüfen!) Möglich wäre es: West-Ost-Ausrichtung der Straße. (Nachtrag 30.7.: Harald verunglückte zw. Schellert + Rimbach).

An einer Neuanpflanzung vorbei, dann durch Wald. Himbeeren essen.

Über Anfelden nach Oberdachstetten. Keine Einkehrmöglichkeit, aber schräg gegenüber vom Bahnhof ein Tante-Emma-Laden. Dicke Frau hinter der Theke, dünne alte Kundin davor. Sehr hilfsbereit beide. Aus dem Kühlregal 2 Bier („Kauzen“). Diese auf der Rezatbrücke, ans Holzgeländer gelehnt, getrunken.

Danach durch die schmalste flachste Bahn-Unterführung, die ich je sah, gebückt durch. Am Lerchenbergshof kurz „meine“ (inzwischen respektabel gewachsene) Anpflanzung aus der Zivi-Zeit angeschaut (nun ja: die von Wolfgang, Uli, Hartl, Oli, Klaus E., dann auch von den ABMlern, auch von den HelferInnen aus Frankreich. Kai, Andi und Klaus K. waren glaub zu der Zeit schon im Studium. Aber wo war Helmut? Und war Jochen schon dabei?).

Kurz darauf geht uns die Orientierung flöten. Hüfthohes Gras. Disteln. Trichternetz-Spinnen. B. flucht. Immer wieder alte verwitterte Markierungen. Auf unseren Karten unterschiedliche Wegführungen.

Letztenendes im Ullenbachtal gelandet. Offener, sonniger Talweg. Links ab, dem Zeichen am Pfosten folgend. Trotzdem muss bald wieder Freund Kompass helfen.

Sehr steiler Anstieg durch kopfhohes Gras. Kein Ende absehbar. Kanada? Bären? Oben auf einen Weg stoßend. Parallel dazu: der Wanderweg, hurra!

Zur Straße, ihr folgend, am Parkplatz links rein. Vertraute Bilder, vertrautes Gelände.

Leicht abschüssiger Forstweg. Eine Quelle am Wegesrand. Braune Blätter bedecken den schattigen Boden. Herbst-Atmosphäre im Hochsommer.

Endlich Virnsberg. Direkt zum Gastgarten. Die Seniorchefin sitzt beim Kaffeetrinken. Ihre Tochter entlädt ein Auto. Ein Hund (Schlappohren, kupierter Schwanz, geduckter Lauf) schleicht vorbei.

Schlafzimmer original 1963. Naßzelle 10 m³ komplett von Plastik umbaut. Bühnenbildners Traum. Duschen, runter, mit Mutter treffen. Zwischenbericht erstatten, Neuigkeiten austauschen.

Wir erzählen vom Seniorchef. Der belehrte einst ungeduldige Gäste: „Horngs, mir machen unser Glöß frisch. Des brauchd sei Zeid. Wenn Ihner des ned gfälld: Es gibd noch andre Wirtschaften“. Tochter: „Jaja, des is sei Bredigd“; sie bringt uns Schweinebraten. Extra-Klöße. Zirndorfer Bier.

Im Zimmer kein TV. Stattdessen „66“ gespielt. Dabei „Prinzenrolle“ (Geschenk von Helga) verputzt.

Virnsberg-Ansbach

Frühstück mit allen Schikanen (Ei, Müsli, Wurst, Käse, Marmelade…).

Neustetten – Kettenhöfstetten – Sonnensee (arrogant, mit seinem blöden Campingplatz).

Krummer Weiher: Dreckloch, aber viele Blaubeeren dort. Denke an den Little Fawn Lake (Raymond Chandler, “The Lady in the Lake”). Hinter Wüstendorf Verlaufer. Bub rattert mit Moped den Grashügel runter. Wir ums Wäldchen rum. Sehr abseitig gelegene hügelige Wiesen, von Wald umsäumt.

Aufm Radl, mit umgeschnallter Posaune, Abstandhalter am Gepäckträger, überholt uns Wilhelm W. (B. kennt ihn von früher, aus Blasorchester-Zeiten).

Von Schönbronn: erster Blick auf Weihenzell. Und der Ansbacher Fernsehturm spitzt durch.

Ätzend die ca. 2 Km Landstraße bis Kammerforst. 13.45 h die Erlösung: der schönste Biergarten der Stadt, bei Johanna im Garten, unter Obstbäumen. „Vo Virnsberch kommd Ihr? Zu Fuß? Da mussma ja verrückt sei, bei demm Wedder“… „Mamalaadnaamala – des is a subber fränkischs Wort. Des wennst am Preusn saggsd verstedd der nix mehr.“ Haha. 2 Radler.

Zum “Weißen Stein”. Direkt dahinter baut man inzwischen Häuser! Da wird Bauer T. („das Bedreden der Flur isd verboden“) gewiss einen schönen Schnitt gemacht haben; bzw. seine Nachkommen.

Über die „Wanne“, den Schlittenfahr-Hügel der Kindheit, retour. Herzliche Begrüßung.

Dann Gelbwurstsemmel; danach Geräucherte vom Tremmel.

Zeitung lesen; dazu „Hauff Urhell“.

Rückreise nach D bzw. HH

Bis Würzburg 1 Stunde. RB.

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