Abgespannt 12: „Adler“

Adler
30/50 cm, 2005

Das Motiv stammt aus einer TV-Doku über… weiß ich nicht mehr. Als ich es gemalt habe, ahnte ich noch nicht, dass ich ein Jahr später einem solchen majestätischen Vogel quasi auf Augenhöhe begegnen würde, und zwar in Südtirol:

Mein Bruder ist bereits wieder abgereist. Ich selbst bin nun den sechsten Tag hier, fühle mich topfit und habe Großes vor.

Zunächst lasse ich mich von Mutter ganz profan von Niederrasen nach Mittertal fahren. Dort steige ich aus und bin schon nach kurzer Zeit im Wald. Im Morgennebel beschlägt unentwegt meine Brille. Irgendwann packe ich sie entnervt in den Rucksack. Das erledige ich aber während des Laufens, ich halte deswegen nicht extra an. Die Temperatur ist angenehm, der Weg bequem, und die Stöcke unterstützen herrlich das Gefühl, eine Nähmaschine zu sein, die das ihrige tut. Unbeirrt steige und steige ich in Kahnscher Manier „immer weiter, immer weiter“. Kein Blick auf die Uhr, keine Pause. Aus dem Wald hinaus zur Grüblalm. Die Landschaft öffnet sich, viele Stellen des Hangs laden zum Rasten ein, aber der Weg führt weiter weiter weiter. Stoisch und problemlos erreiche ich unvermittelt die Grüblscharte. Wie spät? Wie viel? 9.48 h. Genau zwei Stunden. Für 1.044 Hm. Macht 522 pro Stunde. Die 500 endlich geknackt, neuer Rekord.

Der Tag ist bereits ein geglückter, dabei ist es noch nicht mal Zehn Uhr. Euphorisch steige ich auf der anderen Seite des Berges zu den Ochsenfelder Hütten ab. Auf einem Forstweg schlendere ich hinüber zur Samburg Alm, ab der mir der nächste lange Anstieg bevorsteht. Es wird Mittagszeit, die Sonne knallt gewaltig in die Bergflanke. Über weitläufige Serpentinen geht es weitgehend schattenlos durch die riesige Bergwiese. Mal hier ein Baum, mal dort ein großer Felsbrocken, jedes Fleckchen Schatten versuche ich auszukosten. Angesichts des perfekten bisherigen Verlaufs, des Gefühls körperlicher Fitness, und der herrlichen Landschaft stört mich die Plackerei nicht im geringsten.

Umschwirrt von Schmetterlingen, Käfern, Bienen und Vögeln erreiche ich schließlich euphorisch den letzten hohen Punkt der Tour, das Ampertörl. Nun allerdings spüre ich deutlich den zwiefachen Anstieg. Ausgiebige erschöpfte Rast tut Not. Es ist erst halb Eins, aber vollkommen klar, dass die Überlegung, eventuell noch die 250 Meter hoch zur Amperspitz zu machen, illusorisch war. Ich will jetzt nur noch hinunter, ins Tal zurück. Während ich sinnierend sitze und dem noch nie gehörten Geräusch eines fliegenden, nicht weit von mir entfernt kreisenden Steinadlers lausche – ein gleichmäßiges, langgezogenes Flaaapp-Flaaapp mit einem Anteil Rauschen, oder Sumsen – kommt eine sms an. Hier oben also erfahre ich, dass in Lehrberg eine Bäckerei in die Luft geflogen ist. Gasexplosion. Mehrere Tote. Die Aussicht verliert recht unmittelbar an Reiz und ich beginne den Abstieg. Nach einem Bergpfad folgen endlose Forststraßen-Serpentinen.

Von Niedertal aus ist es noch recht weit bis zur Badestelle am Antholzer Bach, die ich noch von früher her kenne. Kurz vor halb Vier bin ich dort und bleibe eine ganze Weile. Ich stapfe durch das kalte Wasser – „Erstaunlich: erst denkt man, dass man man es keine zehn Sekunden aushält, aber dann gewöhnt man sich“ -, wate zu einer kleinen Insel hinüber und wieder zurück, und nehme irgendwann das lange Schlussstück zur Ferienwohnung in Angriff.

Während ich dort später, Franzbranntwein-gebadet und Forstbier-bewaffnet, auf dem Balkon lümmele, gesellt sich eine Katze zu mir, maunzt, und schnuppert ausgiebig an den zur Trocknung ausgelegten Wandersocken. „Tja, Miez“, denke ich noch, bevor ich wegdöse, „da stecken genau zweitausend und siebzehn Höhenmeter drin“.

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