Abgespannt 8: „Bei Sachseln“

Bei Sachseln
29/29 cm, 2005

Das Abspannen dieser kleinen Skizze hätte ich mir sparen können. Mal wieder Opfer meines „Beweis-Zwangs“ geworden, wie ich es zu nennen pflege. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, das Haus irgendwie fotorealistisch heraus-fokussieren zu müssen, dabei genügt das, was da ist, völlig.

Premiere

Eine Freundin überlässt mir für ein paar Tage ihre Wohnung in Luzern, während sie selbst in Südtirol unterwegs ist. Mein heutiges Ziel ist der Wandelen. Die Route zum Gipfel führt erstens steil und direkt nach oben, bietet zweitens viele Höhenmeter, und ist drittens unkompliziert, ohne Kletterpassagen. Genussvolles Höhenmeterbolzen ist’s, was ich will. Erstmals habe ich Wanderstöcke dabei. Jahrelang hatte ich ideologische Vorbehalte gegen diese Nordic-Walking-Lächerlichkeit, da aber gelegentlich meine Knie aufmucken, speziell auf langen Touren beim Abstieg, lieh ich mir zwecks Entlastung derselben ein Stöckepaar.

Zunächst fahre ich mit dem Zug nach Sachseln. Während der Fahrt geht ein mächtiges Gewitter nieder. Es war im Wetterbericht so angekündigt, aber danach sei es dann den ganzen Tag sonnig. Darauf verlasse ich mich. Am Anfang muss ich zwar noch durch Nieselregen laufen, aber schon in Edisried, nach ein paar Minuten Lauferei, klart es auf.

Die Landschaft ist herrlich, die Sonne lacht, ich komme gut voran. Auf der Höhe von Wengen ist eine Alm, auf der ich mit dem Senner ins Gespräch komme. „Gespräch“ trifft es nicht ganz, denn ich verstehe kein Wort. Nur als der Einheimische mit einem Fernglas zu seiner Kuhherde hinüberschaut und sagt „I muss’d Chüh zälä“, ist mir klar was er meint.

Früher als geplant bin ich am Wengenhorn, von wo aus man bereits den Wandelen-Gipfel sieht, der eine grasbewachsene Kuppe ist. Zuvor muss man aber noch durch eine Senke und danach noch mal ein Stück bergauf. Da ich vom unübersichtlichen Schlussanstieg durch ein steiles Geröll- und Wiesenfeld etwas ausgepumpt bin, beschließe ich, schon hier zu rasten und etwas zu essen. Danach schleppe ich mich hinüber zum Gipfelkreuz und lasse mich erschöpft in die dortige Wiese fallen. Stille. Frieden. Ein paar Minuten döse ich vor mich hin, bevor ich mich an den Abstieg mache. Über den Arnigrat will ich zur Stockalp und von dort aus hinunter ins Tal. Allerdings wird der Pfad zunehmend schmaler und ausgesetzter, so dass es zu einer Premiere kommt: Ich entscheide mich gegen den geplanten Weg und kehre um. Fühle mich nicht sicher genug, will mich nicht übermäßig konzentrieren müssen. Stattdessen hupfe ich kurz darauf höchst vergnügt einen Weg hinunter, der parallel zur Aufstiegsroute verläuft, und habe Spaß an der Stock-Arbeit. Bis ich zur Unteren Mus komme. Zum einen setzt dort Nieselregen ein, zum anderen verklemmt sich dort das Gewinde eines der Stöcke, so dass ich ihn nicht auf eine mir angenehme Länge ziehen kann. Vor allem aber finde ich den Weiterweg nicht. Man kommt über eine kleine Lichtung, auf der eine verfallene Hütte steht, an den Rand des Waldes zu einem Geländebuckel, und da ist… Holz. Gefälltes Holz. Viel gefälltes Holz. Sehr viel gefälltes Holz. Ganze Holz-Berge liegen hier herum.

Hektisch eile ich zurück über die Lichtung. Neu ansetzen, noch mal in die Karte schauen, „vielleicht habe ich ja etwas übersehen, verflixter 1:50.000-Maßstab, alles ist viel zu klein dargestellt“. Aber immer wieder lande ich an der gleichen Stelle. Langsam werde ich unruhig, denn tiefdunkle Regenwolken ziehen auf und ich befürchte, dass ich ein weites Wegstück zurück steigen muss, um über einen Forstweg zum Pfad des Aufstiegs zu gelangen. Andere Alternativen gibt es nicht. An dem ganzen Holz vorbei kommt man nicht, weil es in der unmittelbaren Umgebung sausteil ist. Wütend klettere ich auf ein paar der herumliegenden Stämme. Laut Karte kann der Weg nur hier weiter gehen, und Schweizer Karten gelten schließlich als die präzisesten. Nach wenigen Sekunden sehe ich unvermittelt die Fortsetzung des Weges. Letztlich war es viel Lärm um nichts. Logisches Denken, und ich wäre schon so gut wie unten. Ab jetzt geht es fix, das Wetter bleibt überraschend stabil, und bald schon baumeln meine Füße im Sarner See.

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