Abgespannt 1: „Morcoteblick“

Morcoteblick
120/90 cm, 2008

Rundmail an Freunde:

„Die gestrigen Kommentare von Klaus und Karl zum ‚Testpilz’-Bild beschäftigen mich sehr. Nicht etwa, weil ich jetzt glücklicher mit dem Bild wäre, neinnein, nach wie vor finde ich es verquält und nicht sehr malerisch. Die Erinnerung an das weg-Malen des Hintergrunds in der Hoffnung, dass die Reduktion auf die schiere Form des Pilzes dem Bild gut täte, ist keine schöne, weil mehr als eine zugepinselte Fläche dabei nicht herauskam. Vielleicht hätte ich einen breiteren Pinsel nehmen sollen, aber dann hätte es möglicherweise zu ‚lecker’ ausgesehen. Lecker mag ich im Gasthaus, aber nicht in der Malerei. Und wie kam ich eigentlich auf diese komische Haut-Farbe?

Beschäftigen tut mich etwas ganz Anderes als maltechnische Fragen, nämlich etwas, was ich lange verdrängt oder gar nicht als Gedanken zugelassen hatte, weil ich immer vom ‚gelungenen’ Bild her gedacht habe: Auch die abgebrochenen, auch die verworfenen Bilder erzählen ja etwas, sind genauso verdichtete Zeit wie verkaufte, ausgestellte oder einfach im Regal gelagerte Bilder. Vielleicht wäre mal eine Ausstellung spannend, in der ich einfach nur die sog. ‚gescheiterten’ zeige, oder eine, in der diese den sog. ‚gelungenen’ Bildern gegenüber gestellt werden.

Jedenfalls habe ich heute mehr als 30 dieser abgespannten und aufgerollten Bilder fotografiert und mir ist währenddessen ganz viel wieder eingefallen. Abenteuer im Atelier, Enttäuschungen (weil keinen ‚Zugriff’ auf das Gewünschte bekommen), schamhaftes Verstecken der Kläglichkeiten usw. usf… Vielleicht mache ich ein eigenes Blog-Thema daraus“.

Das mache ich jetzt auch.

Den Anfang macht ein Bild, das ich aus einem ganz simplen Grund abgespannt hatte, anders als aufgerollt ließ es sich nämlich nicht zu einer Ausstellung und wieder zurück transportieren. Es zeigt den Blick aus dem Garten des Hauses, in dem mein Galerist Tedden ein kleines Appartement hat. Dort entdeckte ich während eines Urlaubs Anfang der Nuller-Jahre meine Leidenschaft für das Bergwandern wieder, der Ort steht also für einen Anfang bzw. Wiederbeginn:

Berg

Freunde machen Urlaub am Luganer See und bieten mir an, sie dort zu besuchen. Klingt prima. Wenn ich dort bin, sollte ich eine Bergtour machen, als Reminiszenz an frühere Familienurlaube. Und wenn ich schon eine Bergtour mache, dann bittschön auf einen Gipfel in vierstelliger Höhe. Also Karte kaufen, Tour überlegen. Was kann man vom Haus aus unternehmen? Zum Beispiel Monte San Bernardo: 1.020 m, vierstellig, heißt wie mein Bruder, perfekt. Ich reise an.

Zwei Tage später ruft der Berg. Matthias und ich brechen auf, während Christiana sich auf einen ruhigen Tag freut. Was ich völlig vergessen hatte: steil bergauf schlaucht. Die Serpentinen auf der Straße nach Pogliana hoch sind kein Vergnügen, sondern lästige Qual. Der Anstieg zum Gipfel später führt auf einem schmalen Pfad durch Wald. Fühlt sich vertraut an. Fühlt sich nach Kindheit an. Gleichzeitig fühlt es sich anstrengend an. Oben ist es neblig und nieselig. Keine Aussicht. Es amüsiert mich, nach so vielen Jahren wieder auf tausend Metern Höhe zu sein. Nur so aus Prinzip, der Zahl wegen. Beim Abstieg vertun wir uns und landen auf einem Pfad, den ich in der Karte nicht lokalisieren kann. Wir kommen zu einer steilen Stelle, die mit Drahtseilen gesichert ist. Abgesehen von der Unlust (wegen der Steilheit und des blöden Wetters) finde ich es kurios, welche Erinnerungen der Anblick dieses lumpigen, angerosteten Seils auslöst. Schlagwörter rumoren im Kopf: Schafluckensteig, Hochleckenhaus, Staller Sattel… Egal ob Wanderwege oder gesicherte Steige: ich erinnere große Zufriedenheit. Irgendwann finden wir uns wieder in der Karte zurecht und steigen hinunter nach Bisuschio, von wo aus wir mit der Bahn zurück nach Porto Ceresio fahren.

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