„Dreht sich“

Dreht sich
60/80 cm, 2009

Im Beitrag „Hotel (Skizze)“ habe ich von zwei Bildern berichtet, die ich nach einem Video gemalt hatte. Das ist eins davon. Nachdem ich sie das erste Mal live erlebt hatte, war vollkommen klar, dass ich Tift malen will. Ihr Konzert in Münster war aus mehreren Gründen denkwürdig, wie man dem beigefügten Text „Sonne“ entnehmen kann. Was dort unterschlagen wird ist, wie nervös ich nach dem Konzert war. Erst nachdem eine innere Stimme sehr energisch gesagt hatte „du gehst jetzt gefälligst da rüber zum merch table und bedankst dich, schließlich bist du selbst Künstler und weißt, wie wichtig positives Feedback ist“, habe ich mich hingetraut. Was ich damals gestammelt habe, weiß ich nicht mehr, aber seitdem fällt es mir wesentlich leichter, Musiker nach Konzerten, die mich berühren, anzuquatschen. Sind ja keine entrückten Gestalten, sondern quasi Kollegen. Gebissen hat mich bisher auch keiner, im Gegenteil, es waren und sind immer sehr bereichernde Begegnungen.

Witzig, wie geradezu banal der Zeitungs-Bericht über das für mich sehr besondere Konzert wirkt: http://amp.wn.de/Muenster/2009/02/Kultur-Muenster-Eine-junge-strahlende-Stimme

 

Sonne

Morgens um Drei wach, Schlaf unmöglich. Aachen Club, oder Münster Konzert? Entscheidungsnot: Dampf ablassen im Stadion, im Paralleluniversum Fußballstadion vom Aufstieg träumen, Menschheitstheater gucken, besoffenen Landsleuten zuhören, mich aufregen, staunen, wütend sein, schreien und hoffen – oder endlich die Sängerin live erleben, deren Namen ich mir vor vier Jahren notiert und dann vergessen hatte, kürzlich erneut auf ihn stieß, und nach dem Anhören einiger Songs sofort alle ihre vorhandenen Platten kaufte? Großspurig hatte ich angekündigt, beides zu tun, aber nun bin ich so unsicher, dass… ins Atelier fahren und den Mist vergessen, Atelier-Sonntage können wunderbar sein… Ein hartnäckiger Ohrwurm plagt mich: „Now you’re broken, and you don’t understand what is broken“. Broken. Ratlos. Kann nicht nachdenken. Nach zwei Stunden kapituliere ich und stehe auf. Kaffeetrinken. Neuer Ohrwurm nervt: „Morning is my Destination“. Zur Ablenkung mache ich den Fernseher an und lande zufällig in einer Wiederholung der „Lokalzeit Münsterland“. Das Konzert ist erst am Abend, d.h. ich könnte zuvor noch wandern gehen. Wenn ich zum Club gehe, kann es passieren, dass ich bereits am frühen Nachmittag mit schwerem Seegang zu kämpfen habe, weil genervt und bierdurstig. Die Jungs spielen noch häufiger in der Gegend. Sie nicht. Also zur Grenze des Verkehrsverbundes fahren, von dort aus Richtung Münster marschieren, und wenn es mir zu viel wird, kann ich jederzeit abbrechen und mit der Bahn weiterfahren.

Kurz vor Neun bin ich in Sythen und schon ein paar Minuten später im Linnert, einem Waldgebiet. Die Sonne scheint und Rauhreif bezuckert den Boden. Nach einer Weile kommt mir auf dem schnurgeraden Forstweg ein dunkelgrüner Geländewagen langsam entgegen. Der Jäger sitzt am Steuer und beobachtet seinen Hund, der freudig neben dem Auto her rennt. Gelegentlich begegne ich danach Radfahrern und Hund-Ausführern. Da bis auf eine Ausnahme niemand bereit ist zu grüßen, unterstelle ich westfälische Knurrigkeit. Am Bahnhof in Dülmen erlebe ich die erste größere Komplikation: Im rechten Winkel kreuzen sich dort zwei Bahnstrecken, die eine führt über die andere hinweg. Auf der Karte ist der Weiterweg nur ansatzweise zu erkennen, so dass ich einen großen Umweg machen muss, um wieder zum „X 12“ zurück zu finden.

Ab jetzt verbringe ich viel Zeit auf Radwegen. Der Vorteil ist, dass man dort zügig vorankommt, der Nachteil ist eine gewisse Reizlosigkeit. Bei Böckmann weht eine riesige BVB-Fahne im Wind. Fußball im Prinzip schön, Biene Maja auch. Aber beides zugleich? Während ich mich einem Bahn-Übergang nähere, leuchtet an der dortigen Signalampel zuerst ein orangenes, danach ein rotes Lichtsignal, bevor sich die Schranke schließt. Von rechts tobt ein Intercity vorbei. Kurz danach rattert ein Regionalzug in die Gegenrichtung. Hübsche Choreographie. Vor Buldern mache ich in einem Holz-Rondell eine erste kurze Rast. Schon jetzt plagt mich ein leichtes Fuß- bzw. auch Schulter-Weh. Kurz darauf komme ich an einem Haus vorbei, von dessen Balkon aus ein Mann mir einen guten Morgen wünscht. Nachdem ich zurück gegrüßt habe und etwa zehn Meter weiter gelaufen bin, ruft er hinter mir her: „nicht erschrecken“! Zunächst verstehe ich nicht, was er meint, aber dann leert er mit Schwung einen Eimer mit Putzwasser, welches mit einem lauten „Platsch“ auf dem Platz vor der Garage landet. Links von mir zweigt „Bernhard‘s Weg“ ab, und kurz darauf passiere ich die Bushaltestelle „Franke“.

In der Nähe des Hauses Gieseking will ich eine Abkürzung an einem Hof vorbei nehmen, aber hinter einem niedrigen Zaun bellt wütend und aggressiv ein großer schwarzer Hund, so dass ich lieber auf der Straße weitergehe, bis ich links abbiegen und über einen Pfad am Rand eines Ackers zum ursprünglich geplanten Weiterweg zurück gehen kann. Erste Tropfen fallen inzwischen vom Himmel, und während ich ein paar Minuten später ein Wäldchen südlich von Appelhülsen durchquere, wird der Schneeregen allmählich heftiger. Das Wetter folgt pünktlich der Vorhersage: „Ab Mittag Schnee in NRW“. Inzwischen müsste in Aachen der Anpfiff erfolgt sein. Ich mache das Handy-Radio an, um nach ein paar Sekunden bereits zu hören, dass die Alemannia in Führung gegangen ist. Wie gut, dass ich jetzt nicht frierend im Gästeblock stehe. Und schon steht es Zweinull. Das wird heute nix, aus das Radio, keine Lust auf Ärgern.

Nach dem Haus Ruhr sehe ich das erste Auto mit Münsteraner Kennzeichen. Der Schneeregen flaut ab. Kurz darauf endet ein in der Karte verzeichneter Verbindungsweg unvermittelt auf halber Strecke, so dass ich am Rand eines Feldes entlang steigen muss. Die Wiese ist nass und matschig. Vereinzelt liegt noch alter, festgefrorener Schnee herum. Bei V. Ketteler laufe ich an einem Golfplatz vorbei. Driving Range, Clubhaus, Restaurant, alles vorhanden. Sehr schick. Weniger schick ist der nachfolgende Waldweg. Dieser ist von schwerem Gerät fürchterlich zerwühlt, so dass es äußerst mühsam ist, sich in der gefrorener-Matsch- und Pfützen- und kreuz-und-quer-tiefe-Fahrspuren-Wüste fortzubewegen.

Als ich endlich wieder feste Straße unter den Füßen habe, erreicht mich die SMS des Bruders, dass der FCN in Aachen verloren hat. In diesem Moment passiere ich das Ortsschild von Münster. Seit gut sieben Stunden bin ich nun unterwegs und längst in jener Trance des Gehens, die so herrlich das Denken entschlackt: Niederlage egal.

Wie von einer Schnur gezogen durchquere ich schweren Schrittes eine Wohnsiedlung, in der ich Schilder bemerke, auf denen „Fahrradstraße“ und „Linienverkehr frei“ steht. „Aha, Fahrradstadt Münster“, denkt es in mir, bevor der Weg, durch Mecklenbeck hindurch, erstaunlich ländlich zur Hauptstraße führt. Jetzt erst fällt mir auf, dass es längst nicht mehr regnet. Da mittlerweile Füße und Beine sehr schmerzen setze ich mich ins nächstbeste Haltestellen-Wartehäuschen, um vor dem Schluss-Spurt kurz auszuruhen.

Ein paar Minuten später breche ich wieder auf und erreiche, nach Überwindung der üblichen Komplett-Schwerfälligkeit auf den ersten Metern nach so späten Pausen, den Uferweg des Aasees. Lang streckt er sich hin im Licht des winterlichen Spätnachmittags. Melancholisch denke ich an den Abschluss-Spaziergang damals in Luzern, der mich zur Regattastrecke am Rotsee führte. Während ich mich auf das Abschlussbier und die Rückfahrt freue fällt mir ein, dass ich nicht aus Jux hier bin, sondern wegen eines Konzerts. Das hatte ich in den vorigen Stunden völlig vergessen.

Kurz nach Fünf bin ich am Domplatz. Viel zu früh, deshalb beschließe ich, mich schon mal zu orientieren, wo die Veranstaltung nachher stattfinden wird. Der Kompass geleitet mich auf Kurs Nord-Ost aus der Altstadt hinaus, und eine Viertelstunde später stehe ich am „Pumpenhaus“. Nun ist die Strecke von A nach B, von der Verbundgrenze zum Veranstaltungsort, komplett absolviert.

Schmerzgeplagt wanke ich, während es zu Dämmern beginnt, zurück ins Zentrum, zu der auf dem Herweg ausgeguckten Kneipe. Kurz vor Sechs bin ich dort und sitze am Tisch und rauchen darf man hier und bestelle ein Hefeweizen. Neun Stunden gelaufen, genau wie geplant. Große Zufriedenheit. Das Bier kommt. Es schmeckt wie beim Radlsee: Brot essen. Ich trage die zurückgelegte Strecke in die Karte ein und bin beinahe ein wenig enttäuscht, dass es nach flüchtiger Prüfung nur maximal 38, also deutlich weniger als 40 Kilometer waren. Dass auch dieses genug Strecke war merke ich später auf dem Weg zum Klo: die Treppe nach unten ist brutal, das linke Knie tut höllisch weh. Obwohl teuer, bestelle ich anschließend ein weiteres Weizen. Wichtiger Teil meines Tagesplans: Das durch die Wanderung gesparte Fahrgeld in eine Kneipe tragen und versaufen. Müde blicke ich aus dem Fenster. Draußen schneit es, Schneeflocken wirbeln im Licht der Straßenlaterne. Drumherum ist es inzwischen dunkel. Nach Bezahlung der Getränke schleppe ich mich ein weiteres Mal fußlahm zum Pumpenhaus. Dort hole ich, nach kurzem Verweilen im Raucherpavillon, meine vorbestellte Karte ab und schleiche hinüber in den Saal, der zu meiner großen Freude einer mit Sitzplätzen ist. Erleichtert lasse ich mich in eines der Polster fallen und strecke die müden Beine von mir. „Something To Me“ wäre jetzt schön. Kurz darauf betritt Tift Merritt die Bühne und beschenkt mich, als hätte sie es geahnt, mit dem Song, den ich mir insgeheim gewünscht hatte. Perfekter Start, wunderbar. Ihre Stimme trägt mich durch den Abend, sie lässt mich alle Mühen der Nacht und des Tages vergessen. Manchmal darf man wirklich Schönes erleben. Irgendwann gehen die Lichter wieder an und ich kann mir im Foyer noch ihre neue Platte signieren lassen und kurz mit ihr plaudern. Schmerzen? Welche Schmerzen? Dahingeschmolzen wie Schnee in der Sonne eile ich zum Bahnhof, um die letzte Bahn zu erwischen.

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