„Messner-Steig“

Messner-Steig
36/47 cm, 2011

Zum Jahresausklang das 150. Bild mit einem extra langen Text. Es zeigt die Stelle, von der ich schreibe „(…) die Reichheit des westlichen Bereichs der Aferer-Geisler, wo der Weg in einer großen Kurve durch Insekten-Summen und -Brummen und an vielgestaltigen, kurzgewachsenen, in ihrer Zähigkeit, verhaltenen Farbigkeit und würdevollen Sturheit unglaublich schönen Pflanzen vorbei führt“.

Wald

Vor einem Monat war ich derart eifersüchtig auf Freunde, die Berg-Urlaub machten, dass ich spontan nach Alpen fuhr. Nicht nache, nicht inne, sondern Alpen / Kreis Wesel. Dort gibt es in der niederrheinischen Flachheit eine kleine Erhebung, an der entlang ein Bergweg, und über die hinweg ein Bierweg führt. Aus schierer Freude über all die verheißungsvollen Namen genoss ich den Spaziergang, obwohl er denkbar gewöhnlich war. Ungewöhnlich war, dass ich im Ort bemerkte, dass dort die älteste reformierte Kirche Deutschlands steht (1602-1604 wurde sie im Auftrag von Kurfürstin Amalie von einem italienischen Baumeister errichtet).

Jetzt bin ich in Alpen / Kreis Villnöß, wo Bergwege nicht nur so heißen, und wo Bierwege die Schritte nach einer Tagestour in den Gastgarten hinein sind.

Eine meine Spezialitäten ist nach wie vor das Verlaufen bereits am Beginn einer Tour, so auch dieses Mal: am Ortsausgang von St. Peter bin ich mir zwar relativ sicher, dass mein Weg rechts auf der Straße entlang führt, aber weil Markierung und Wanderkarte sich uneins sind, gehe ich links einen schmalen Weg durch Felder hoch und lande im Wald. Am Abend werde ich erfahren, dass dieser „Panoramaweg“ neu angelegt ist, deshalb also die abweichenden Bezeichnungen. Bis St. Magdalena gehe ich im Gegenlicht der Morgensonne entgegen. Ein ebenfalls früh aufgestandener Jogger schnauft an mir vorbei. Nach etwa einer Stunde aus dem Wald heraus kommend, kann ich von oben betrachten, wo ich normalerweise in Magdalena angekommen wäre, und sehe bereits den Forstweg, von dem aus später der avisierte Pfad im Bereich des Kofelbachs abzweigen müsste. Dort mache ich den nächsten Fehler: Es biegt ein Weg ab, den ich für den Zugang zum „32“er halte, laufe ihn eine Weile entlang, bis er dann aber an einem breiten Gebirgsbach in einer LKW-Wendeschleife abrupt endet. Zu faul zum Umkehren, überquere ich von Stein zu Stein hupfend das Gewässer, und beginne querbeet durch den Wald zu laufen, weil ich dann irgendwann automatisch… Die Almsteig-Blödheit kommt mir in den Sinn, und ab sofort konzentriere ich mich darauf, erstens nicht bergauf, sondern stur auf gleicher Höhe bleibend am Gelände entlang zu steigen, und zweitens, dabei ruhig zu bleiben. Bloß nicht wieder eine hektische Verkrampfung riskieren. Erneut unterschätze ich die Länge der Schlenker auf einer Karte im 1:50.000er-Maßstab, erwäge bereits umzukehren, als ich plötzlich den ersehnten Steig erreiche. Dort mache ich die erste Trink- und Apfelpause.

Eine vereinzelt stehende Fichte zeigt von meinem Sitzplatz aus, wie der Lichtpfeil eines Dia-Projektors, exakt auf die Peterer-Scharte, die sich weit entfernt auf der anderen Talseite in die Raschötz senkt. Gestern war ich dort, während Papi über die Flitzer Scharte hoch kam. Dort begegneten wir uns, gingen gemeinsam zur Ausserraschötz, trennten uns nach der Kapelle, und standen schließlich genau gleichzeitig am späten Nachmittag vor der Ferienwohnung. Zwei Tage später werde ich wieder dort oben sein und mir einen Traum erfüllt haben: knapp zwei Stunden, 600 Höhenmeter pro Stunde, endlich die magische Zahl! Vier Schafe, die über die Wiese in Richtung Abstieg unterwegs sein werden, wird das nicht im Geringsten beeindrucken. Genau auf meinen Rast-Stein sich zubewegend werden sie innehalten, und die Anführerin der Gruppe, ein großes, massiges Tier, wird den Kopf nach unten ducken und mich durchdringend fixieren. Aggressive Spannung wird in der Luft liegen. Ich werde das Vorhaben, ein Foto zu machen, ad acta legen und schnellstmöglich verschwinden. Riechen die eigentlich Angst? Mit simulierter Gelassenheit werde ich ca. 30 Meter beiseite schlendern und Beruhigungsformeln murmeln. Von dort aus werde ich sehen, wie Nummer Drei ihren Kopf in den zurückgelassenen Rucksack stecken und neugierig darin herumstöbern wird, und werde einige Stunden später, beim Kaffeetrinken auf der Terrasse der Dusler-Hütte, mal wieder alle Vorurteile über deutsche Urlauber bestätigt sehen. Eine strenge graue Kurzhaar-Frisur wird am Nebentisch sitzen, durch ihre Sonnenbrille hindurch schmallippig lächelnd zur Geisler-Gruppe hinüberschauen, und selig die wuchtige Schönheit des Sass Rigais betrachten. „Pensionierte, alleinstehende Lehrerin“ wird sein, worauf Vater und ich uns als Einschätzung einig sein werden (seit der Gschnagenhardt-Alm werden wir gemeinsam unterwegs gewesen sein). Ich werde die Dame sehr freundlich fragen: „Entschuldigung, brauchen Sie den Aschenbecher?“, woraufhin sie mit maliziösem Lächeln antworten wird: „Nain, gottsaidank nächt“. Also noch in der herrlichsten Umgebung, in nettester Atmosphäre, im größtmöglichen Glück wird diese … ihre moralische Überlegenheit vorführen müssen, ihre selbstgefällige Stupidität. „Bläida Sulln, bläida, was glabbsd aicherdlich wersd bisd?! Ich rauch‘, jawohl, soll’s geem, abber ich wor dafier droom do dremm, du gwieß ned, du konnsd blos bläid umananergaffn, Schreggschraum, elendiche“, werde ich denken, mir aber nur stumm den Ascher greifen, meine Konfliktscheu verfluchen, und es wird mich viel Mühe kosten, mir den Tag nicht von diesem Quatsch verleiden zu lassen.

Nach der Pause steige ich weiter. Irgendwann blitzt Licht durch die Bäume, und plötzlich stehe ich auf der großen Hochfläche der Kofelwiese. Sofort verstehe ich, wie euphorisch Familiendackel Max hier losbrausen musste: steil, aber nicht zu steil, zieht sie sich hoch. Ein Trampelpfad schnürt durch sie hindurch. Ich folge diesem zügig, denn inzwischen ist klar, dass ich so gut in der Zeit liege, dass das heimliche Vorhaben, via Messner-Steig heute nach vielen Jahren wieder zum Tullen zu gehen, möglich ist. Die stille Einsamkeit des Steigens ist nun nicht mehr gegeben, denn vom Russis-Kreuz aus sind bei diesem Traumwetter viele Menschen unterwegs. Richtig erinnert hatte ich die Reichheit des westlichen Bereichs der Aferer-Geisler, wo der Weg in einer großen Kurve durch Insekten-Summen und -Brummen und an vielgestaltigen, kurzgewachsenen, in ihrer Zähigkeit, verhaltenen Farbigkeit und würdevollen Sturheit unglaublich schönen Pflanzen vorbei führt. Zu dumm, dass ich sie nicht benennen kann. Außer Edelweiß. Das hatte ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Falsch erinnert habe ich, dass es danach nicht lässig durch schöne Gegend geht, sondern lästig durch abseitiges Auf und Ab. Immer wieder denke ich, dass jetzt aber, nach diesem Buckel… nein. Schließlich aber öffnet sich das Gelände, und weit vor mir zieht sich durch ein weißes, schräges Gesteinsfeld ein schmaler Pfad, auf dem wie Ameisen Menschen sich vorwärts bewegen. Ich erreiche die Weggabelung, an der wir seinerzeit dem „Bärfäckt!“-Ösi begegnet sein müssen. Völlig anders hatte ich es im Kopf. Gar so traumhaft herrlich ist es hier gar nicht, eher „da geht’s da lang, und da da lang“. Dass man den weiteren Verlauf des Messner-Steigs sieht, den ich seinerzeit mit Knieschmerzen komplett gestiegen bin, wusste ich auch nicht mehr. Weit hinten, oben, stehen Leute am Einstieg an, um am Grat entlang zu klettern. Mir selbst reicht heute die weiße Schotter-Schräge völlig als Abenteuer. Nicht sehr trittsicher tappe ich sie Schritt für Schritt hoch. Noch unbehaglicher ist es mir dann am letzten Stück des Steigs. Erst durch eine seilversicherte, sonnenbeschienene steile Weißheit, dann links über den Grat zum Gipfel. Mist, wenn ich jetzt ins Rutschen komme nimmt‘s kein gutes Ende, konzentrier dich verdammt. Körpergedächtnis. Reiß’ dich zusammen.

Manuela ist 7 Jahre alt, mit Papa heute erstmals heroben, und glücklich und zufrieden. Zurecht, denn es ist ein unglaubliches Panorama und man muss sich locker machen, sonst kann man es nicht genießen. Wenn ich Gipfelgrat, Abstieg und Schotterscheiß heil überstehe, wird es die schönste Tour des Jahres gewesen sein. Die Kompletteste. Kaum wieder im normalen Wanderbereich, spricht mich ein Einheimischer an, dessen Begleiterin einer Bekannten begegnet und ein Stück zurück geblieben war. Ich berichte, dass sie am plaudern seien, und als ich ca. 50m weiter bin, ruft er mir hinterher: „Denan geht der Gesprächsstoff nie aus“! Zurück auf der Kofelwiese setze ich mich auf die Bank an einer Scheune inmitten der riesigen Fläche. Der einzige Schatten weit und breit. Danach erreiche ich im Wald einen Wegweiser, der auf einen „Lutherischen Kultstein“ verweist. Hier, wo sie so stolz darauf sind, dass Papst Johannes Paul in der Gegend herumgelaufen ist? Tatsächlich: Im 16. Jahrhundert trafen sich im dichten Wald heimlich die Hutterer, um kultische Verrichtungen durchzuführen.

Von Magdalena aus gehe ich den ursprünglich für den Hinweg ausgeguckten Weg zurück nach St. Peter, wo ich mir auf der Terrasse des „Pizzock“ ein „Forst“ bestelle, das ich dann zügig in mich hineinschütte.

Am nächsten Tag erfahre ich, dass ein Bergsteiger aus Brixen im Bereich des Tullen tödlich abgestürzt ist. Man hatte ihn ungefähr eine Stunde, bevor ich oben war, entdeckt und geborgen. Dunkel erinnere ich mich an Hubschraubergeräusche. Oder war das Einbildung?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s