„Josephina zu Vlad“

Josephina zu Vlad
60/70 cm, 2013

Christina Ricci (als Katrina Anne van Tassel) in „Sleepy Hollow“. Ehrlich gesagt habe ich den Film gar nicht gesehen, sondern nur im Schnelldurchlauf ein Motiv gesucht. Die Lolita-hafte Ausstrahlung von C.R. erschien mir als Idealbesetzung für meine Figur in den „Geheimen Leidenschaften“, aber weder in „Buffalo 66“, noch in „Addams Family“ hatte ich ein adäquates Bild gefunden. Hier der Auszug aus dem „Roman“, den ich schon an anderen Stellen erwähnt habe (siehe Schlagwort):

Seit dem tragischen Unfalltod des braven Gutsverwalters Ludwig Bargfeld im späten November des letzten Jahres (nach dem Fehltritt eines Ochsen in ein Wasserloch fiel er vom schwer beladenen Fuhrwerk und stürzte eine Böschung hinunter, wo er sich in einem ausgetrockneten Bachbett das Genick brach) verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage des Gutshofs von Monat zu Monat. Zins und Zinseszins drückten das Gemüt des Grafen nieder. Bargfelds Nachfolger, der auf Anraten des unseligen Blomfeld geholt worden war, verstand sich wenig auf den Holzhandel und noch weniger auf den Kartoffel-Anbau. Auch hatte er sich bei den Viehhändlern in der Umgebung nicht eben beliebt gemacht, da sein zuweilen derber Humor nicht jedermanns Geschmack traf. Als durch eine Unachtsamkeit herauskam, dass er nicht nur glühender Katholik, sondern auch Anhänger einer neuen Bewegung namens „Republikaner“ war, die sich der sogenannten „Demokratie“ verschrieben hatte, wurde er endgiltig von den allermeisten geschnitten und trieb sich vorwiegend in der Guts-eigenen Schlachterei herum, wo er jeweilen traurige Lieder von Heimat und Sehnsucht sang. Die Comtesse hatte ein feines Ohr für die Sangeskunst des Mannes und flehte den Grafen inständig an, diesen wahren Künstler des balladesken Liedes um Christi Willen nicht vom Hof zu jagen. Da er ihr niemals einen ehrlichen Wunsch abschlagen konnte, ging es mit dem Gutshof unweigerlich weiter bergab. Der Name des Mannes war Ian Kinahan. Er war ein Ire durch und durch, ein rothaariger Baum von einem Kerl, geflohen vor britischen Schergen, die seinem umstürzlerischen Treiben in der Grafschaft Donegal im Namen ihrer Majestät, der Königin von England, ein für alle Mal ein Ende bereiten sollten. Leider erfuhr dies Graf Bobby erst, als es beinahe zu spät war. Kinahan stammte aus der Ortschaft Leigh-An-Aghlain, gelegen an den blauen Wassern des Lough Aerhaig, dessen Fischreichtum so legendär war, wie die Kraft des Grossvaters Kinahan, genannt Noel-der-Bär, gross war…

(…)

Schon in den frühen Jahren ihrer Adoleszenz bemerkte Josephina an sich selbst einen gewissen Hang zum Künstlerischen. Sehr zum Unwillen ihrer gestrengen Hauslehrerin Elfriede Grahs-Wallser aus dem schwäbischen Mosebach, einem geistigen Zentrum des Pietismus und berühmt für seinen besonders trockenen Napfkuchen, gab sie sich lieber den romantischen Dichtungen eines Tomas Bjaernstad aus Gmyndenar hin, anstatt fleissig die richtige Durchführung einer Multiplikation zu üben.
Auch der überaus belesene Pastoralreferent Emil Schloterbeck war später nicht in der Lage, die überbordende Phantasie der inzwischen zu einer jungen Frau herangereiften Josephina zu zügeln. So bat sie ihn schon kurz nach ihrer Vermählung mit dem feschen Erben des Gutshofes keck, ihr das Hohe Lied Salomons, Kapitel 4, Vers 5 näher zu erläutern, was in dem Referenten sogleich unbehagliche Erinnerungen weckte. Eigentlich hatte er heute Hesekiel 25, Vers 17 besprechen wollen, mit welchem er sich – Ironie des Schicksals – immer dann kasteite, wenn ihm bei der soeben angefragten Stelle recht blümerant wurde. Im Angesicht ihres vor Erregung und Leidenschaft bebenden Busens vergass er augenblicklich sein bei Anton Schlotenhauer gelerntes Wissen über den sexus sequior. Panische Blässe überzog sein teigiges Gesicht. Nachdem er seine Contenance wiedergefunden hatte, erklärte er dem Grafen Bobby, dass er sich zu einem weiteren, vertiefenden Bibelstudium mit der Comtesse ausserstande sehe, und reiste unverzüglich ab.
Als Josephina kurz nach dem plötzlichen, ihr vollkommen unverständlichen Verschwinden des angehenden Pastors („Er war doch so nett!“) am Schlachthaus vorbei kam und hörte, wie Ian Kinahan, während er fachmännisch ein Rind zerlegte, weil es bald wieder Berthas berühmte Rouladen geben sollte (Herzog de Bouvoir hatte sich angekündigt), inbrünstig ein Lied sang, welches zwar in einer für die Comtesse unverständlichen Sprache vorgetragen ward, aber die zutiefst melancholische Art, in welcher er etwas von sich gab, was für ihre Ohren wie „Loh! Lei! Defieds, off ess, Henrei!“ klang, worauf sie sich keinen rechten Reim machen konnte, berührte sie in ihrem tiefsten Innersten so sehr, dass sie eilends fortlief, weil sie fürchtete das Herz könne ihr zerspringen, wenn sie dem traurigen Gesang des Iren, welchen sie bis zu diesem Augenblick für einen bestenfalls grobschlächtigen Lümmel mit zweifelhaftem Charakter gehalten hatte, nur eine einzige Minute länger zuhören würde. Als sie schwer atmend die Waschküche im Haupthaus erreicht hatte, fühlte sie sich schutzlos und schrecklich einsam.

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