„Sass Rigais“

Sass Rigais
90/68 cm, 2015

Normalerweise ist es immer sehr schön, nach einer Bergtour im Tal zu sitzen und sich von unten aus anzuschauen, was man tagsüber geleistet hat. In einem Fall hat es allerdings ein paar Tage gedauert, bis das Glücksgefühl kam…

Bildung

Wieder in Villnöß, Zeit für Nägel mit Köpfen: Sass Rigais, 3.025 m, mittelschwerer Klettersteig. Vater hat diesen Berg schon fünfzehnmal bestiegen und wird es schon einschätzen können, ob ich mitkommen kann. Er traut es mir zu, ich traue es mir zu, und in der Nacht bevor es losgeht schlafe ich schlecht.

Nach einem frühen Frühstück fahren wir hinüber ins Grödner Tal. Es ist, zurückhaltend formuliert, ein wenig befremdlich: In jedem Ort steht mindestens ein „Holzschnitzerei Im- und Export“-Prachtbau, dazu überkandidelte, verkitscht dekorierte riesige Hotelkomplexe, auf der Straße wälzen sich endlose Bus- und LKW-Karawanen entlang. Man sieht förmlich, wie Geld hin und her geschaufelt wird, wie die schöne Landschaft durch touristische Überdüngung hässlich wird.

Wir parken bei der Seilbahn oberhalb von St. Christina und fahren hoch zum Col Raiser. An der Regensburger Hütte vorbei, durch die Cisles-Alpe hindurch, einer weitläufigen, sanft geschwungenen steinigen Hochalm, nähern wir uns dem Wasserrinnental, durch das wir hinaufsteigen. Das Wetter ist prächtig, die Steigung erträglich, und ich freue mich neugierig auf das vor uns Liegende. Kurz vor dem Einstieg in den Klettersteig beobachten wir einige Bergsteiger, die vor uns nach rechts abbiegen, hoch zur Furchetta. Respekt.

Schon am Einstieg wird es mir unbequem. Zweimal muss ich ansetzen, um die erste Schlüsselstelle, eine übermannshohe senkrechte Felsplatte, zu überwinden. Ehrlich gesagt fällt mir zunächst keine Möglichkeit ein, dort hochzukommen, und ich muss Papi vorschicken. Danach schaffe ich es dann. Die Neugier ist bereits einem leichten Unbehagen gewichen, weil ich das Gefühl habe, dass der Berg und ich nicht auf einer Wellenlänge liegen. Ich mag sein bröckelig-braunes Gestein nicht und ahne, dass er es bemerkt hat und beleidigt ist. Freunde werden wir wohl nicht mehr. Zudem bin ich längst nicht so fit wie ich eigentlich dachte. Steif und hölzern bewege ich mich. Es ist demütigend, wenn man mit großer Klappe verkündet „Au ja, Sass Rigais, toll, komm’ ich mit, hab ja trainiert, kein Problem“ – und dann am Ostanstieg hängt, verkrampfen will wie früher beim Schulsport in der Turnhalle, beim Überqueren der Sprossenwand, was aber unmöglich ist, weil man ja weiter muss. Zum Umkehren bin ich schon zu weit oben, in der Gegenrichtung wäre der Steig ekelhafter als eh schon. Während ich mit permanenter Angstbewältigung beschäftigt bin und so brav und konzentriert wie möglich die „3-Punkte-Regel“ befolge (immer an drei Punkten festen Stand bzw. Griff gewährleisten, um dann mit dem freien Arm oder Bein den nächsten stabilen Halt zu finden), sehe ich aus den Augenwinkeln, wie der Vater, als wolle er mir spotten, als wolle er mich verhöhnen, mit offensichtlich größtem Vergnügen, einer Gämse gleich, Meter um Meter empor steigt.

Irgendwie schaffe ich es irgendwann zum Gipfel, wo ich erst mal eine nervöse Zigarette rauche. Und gleich noch eine. Während der ganzen Zeit fixiere ich den schmalen, ausgesetzten Übergang zum Abstieg. Die Aussicht interessiert mich nicht. Unter den acht Menschen, die außer uns gerade am Gipfel sind, herrscht eine heitere, zufriedene Stimmung. Vater füttert Bergdohlen.

Schließlich steigen wir in Richtung Mittagsscharte ab. Einzelheiten habe ich verdrängt, die schmalen Schotter-Serpentinen später, hinunter zur Alpe, sind schlimm genug. Eine einzige wütende Litanei spult sich durch meinen Kopf… wenn ich hier heil runterkomme… keine zehn Pferde bringen mich da noch mal rauf… ich habe, verdammt noch mal, noch so viel zu tun… so viele Bilder sind noch zu malen… so ein Scheißdreck!

Alles, was ich mir aus Gründen der Konzentration am Steig verkneifen musste, bricht sich nun Bahn. Natürlich ist es mir auch ein wenig peinlich, wie un-, um nicht zu sagen anti-souverän, ich heute unterwegs war.

Bis zur Einkehr in der Hütte beruhige ich mich wieder halbwegs. Vor allem bin ich froh, der Gefahr entronnen zu sein (komisch, am Naturfreundesteig störte es mich nicht, dass man an vielen Stellen sieht, wohin die Reise geht, wenn man nicht Acht gibt, man passt dann halt auf).

Am nächsten Tag habe ich den ärgsten Muskelkater meines Lebens. Alles, jede einzelne Faser des Körpers, ist aua. Dem Vater bleibt das auch nicht erspart, und so hinken, schleichen und humpeln wir mit einer gut gelaunten Mutter über die Villanderer Alm zur Rinderplatzhütte zum Mittagessen. „Hot’s a bisserl gschmeckt?“, fragt der Wirt seine Gäste. Es hat, und zwar nicht nur a bisserl.

Zwei Tage später fühlt sich der Körper wieder besser an, sprich: geeignet für eine lange Tagestour. Über die Peterer-Scharte zur Gschnagenhardt-Alm, hinunter nach Magdalena, entlang der Hauptstraße zurück nach Villnöß.

Abends, im Garten beim Bier sitzend, schaue ich wie immer hinüber zur Geislergruppe, die heute im Abendrot magisch leuchtet. Versonnen ihren höchsten Gipfel, den Sass Rigais betrachtend, freut es mich plötzlich aufrichtig, dass ich dort oben etwas über meine Grenzen gelernt habe. Sowieso ist es sehr befriedigend, nach zwanzig Jahren wieder einen Dreitausender bestiegen zu haben (es muss ja nicht jeder wissen, wie blöd ich mich dabei angestellt habe).

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3 Kommentare

  1. Ach so, ganz vergessen: Der Text ist zwar schon was älter, aber ich weiß noch sehr genau, dass ich während des Schreibens an Sevgis Bild vom „beleidigten Bahnhof“ denken musste – möglicherweise sogar schon, als ich innerlich fluchend am Fels hing 😉

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