„Laudachsee mit Katz“

Laudachsee mit Katz
43/60 cm, 2011

Als Anschluss an den vorigen Beitrag bietet sich dieses Bild an, weil James Benning hier auch eine Rolle spielt. Komischerweise sieht das Bild ein wenig altmodisch und dunkel aus, mit dem Männlein im Vordergrund sogar fast wie eine Hommage an Caspar David Friedrich und Konsorten. Dabei war es ein strahlender Frühlingstag. Muss wahrscheinlich einfach mal restauriert werden, es hing lange bei mir im Wohnzimmer und ist dementsprechend ein wenig Nikotin-getränkt. Das wird eine Überraschung geben – ich sag nur „Sixtinische Kapelle“!

Neuland

Pünktlich um halb Acht komme ich in Gmunden an. Entlang der Hauptstraße gehe ich in den Ort hinunter. Am „Hacklwirt“ vorbei und vorbei am Friseurladen im Gebäude des Filmtheaters, in dem früher unser Lieblingscafé war. Beim Erreichen der Esplanade bekomme ich einen Kloß im Hals, denn es ist ein strahlender Morgen im Mai und das vertraute Panorama vor mir löst eine Erinnerungslawine aus. Ich kann mich nicht satt sehen an Traunstein, Erlakogel, Höllengebirge, Kleinem Sonnstein und dem Glitzern der Wellen des Traunsees in der Morgensonne. Friedlich ist es hier, so ganz anders, als es die kleine, faktenbasierte Phantasie, die mein Bruder an Weihnachten zusammengesponnen hat, vermuten lässt:

Wenn der Deifi…

… das Tessin nachbaut, dann gelingt ihm dies nicht in Vollendung, sondern dann kommt der Bereich um den Traunsee im Salzkammergut heraus:

1. Der See selbst ist tief und kalt.

2. Um den See herum werden das „Tote Gebirge“ und das „Höllengebirge“ platziert. Darin befindlich: die „Hohe Schrott“, der „Finsterwald-Graben“, der „Totenwinkel“, die „Eishöhle“, der „Augsteck“, der „Große Höllkogel“ und das „Hochhirn“.

3. Der „Traunstein“ wird als notorisch unterschätzter Alpen-Eckberg mit außerordentlich viel Geröll und Steinschlag bedacht und gerät regelmäßig zum Schauplatz tödlicher Unfälle. Alle Opfer werden seit langer Zeit im „Traunsteindenkmal“ sauber vermerkt.

4. Kein lieblicher Heimat-Poet siedelt sich in der Gegend an, sondern ein sogenannter „Anti-Heimatdichter“. Den läßt der Deifi erst einmal einen Roman über einen Mordfall im „Kalkwerk“ am Seeufer schreiben. Der Dichter selbst stirbt schließlich im Kurort am See (an einem Lungenleiden).

5. Alle hundert Jahr bedroht eine Naturkatastrophe im Zeitlupentempo – die „Gschliefgraben-Hangrutschung“ – die am Ostufer lebenden Menschen bzw. vernichtet deren Existenzen.

6. Sieben Königssöhne werden aufgrund eines Hexenfluches in ein eisernes „Siebenbrünnlein“ verwandelt und niemals erlöst.

7. Große Komponisten, die am See ihre Freunde besuchen und Urlaub machen, sterben an Syphilis (Franz Schubert) oder werden von der Masse für alle Zeit als „zu modern“ abgelehnt (Arnold Schönberg).

8. Die amerikanische Luftwaffe verliert ihr letztes Flugzeug während des Krieges in Europa: es stürzt ab und in den See hinein.

9. Prinzen, die in der Gegend auf die Jagd gehen, werden auf ewig als „Prügel-Prinzen“ gebrandmarkt.

10. Allgemein regnet es viel und die Gewitter sind heftig.

Zunächst will es mir partout nicht gelingen, die Straße zu finden, auf der ich um den Grünberg herum zu „Franzl im Holz“ und „Silberfuchs“ gehen möchte. Daher mache ich gezwungenermaßen den Umweg über die Talstation der Seilbahn. Von dort aus finde ich mich zurecht. Auf dem Weg dorthin komme ich an einer Gruppe von Kindern vorbei, denen ein Polizist gerade Verkehrsregeln beibringt: „Beim Radfahren immer Bremsbereitschaft, denkt an die zwei Finger“! Vor Mitterberg überlege ich, ob ich weiter die Straße entlang oder doch besser durch den Wald gehe. Beides ist möglich. Aus einem roten Kleinwagen heraus fragt mich ein älterer Herr, ob er helfen könne. Wir diskutieren die Alternativen und der Einheimische grinst, als ich anmerke, dass im Wald wahrscheinlich mehr Schatten sei. Es ist inzwischen sehr warm geworden, aber ich habe meine Jacke noch an und schwitze dementsprechend heftig. Nachdem wir uns voneinander verabschiedet haben ziehe ich sie aus und gehe zum Wald. Dort verlaufe ich mich, weil an einer unscheinbaren Abzweigung die gelben Hinweisschilder vom Pfosten montiert sind. Eine ganze unnötige Weile steige ich einen steilen Waldweg hoch, bevor ich meinen Fehler bemerke und den richtigen Weiterweg finde. Bei den zwei Jausenstationen rumoren weit hinten im Kopf Bilder davon, wie es war, als Kind hier zu sein. Sommersonne, „Almdudler“, mit meinen Schwestern über den Spielplatz toben, Wasser-Eis „Düsenjäger“ essen (Waldmeister, Orange, Ananas und Schokoladenkappe, oder so ähnlich). Zwar wäre der Weg am Laudachbach entlang wahrscheinlich schöner, weil keine Forststraße, aber ich will über Radmoos zum Laudachsee, weil dieser Weg oberhalb des Gschliefgrabens entlang führt und ich neugierig bin, ob man dort etwas von der Hangrutschung sieht. Sie begann vor einigen Monaten, bedroht mehrere Häuser am See und führte zur Sperrung der Traunsteinstraße. Als ich an der spitzgiebeligen Holzhütte ankomme, auf deren Dach ich als Bub oft saß, sind dort Holzrück-Arbeiten im Gang. Aber es sieht eher danach aus, dass dies der Beseitigung hiesiger „Kyrill“-Schäden dient.
Vor der „Ramsauer Alm“ sitzen viele Wanderer. Ich freue mich auf ein spätes Frühstück, aber die Leute rasten dort nur, denn die ansonsten bewirtschaftete Hütte ist derzeit wegen Umbau geschlossen. Ein wenig enttäuscht gehe ich zum Laudachsee hinunter und will dort eine Pause machen. Allerdings vergaß ich, dass die Wiese völlig durchfeuchtet ist und man, wie in einem Moor, bei jedem Schritt ein wenig einsinkt. Auf dem Weiterweg zur Hohen Scharte biege ich falsch ab und lande auf dem Areal eines kleinen Steinbruchs. Da ich die Wandergruppe von vorhin, die inzwischen laut plappernd wieder aufgebrochen ist, erst an mir vorbeilassen will mache ich dort, obwohl die Umgebung alles andere als heimelig ist, die erste längere Rast.

Der Steig zur Scharte hoch ist unangenehmer, als ich ihn in Erinnerung habe. Im steilsten Bereich, der rechts und links mit Seilen gesichert ist, schließe ich zu einem Ehepaar auf. Die Frau ist verzweifelt, einen solchen Schwierigkeitsgrad sei sie noch nie gegangen. Ihr Mann sichert sie von hinten und fragt aufgeregt, ob dies noch lange so weitergehe. Da ich mich halbwegs erinnere, und weil der Höhenmesser es anzeigt, kann ich die Beiden beruhigen. Es sei gleich überstanden und der Abstieg auf der anderen Seite dann harmlos. Oben treffe ich sie wieder. Sie sind nun deutlich entspannter und wir unterhalten uns ein paar Minuten. Es stellt sich heraus, dass sie aus Eichstätt sind. Man begegne sich ja vielleicht mal beim Wandern im Almühltal. Während des ganzen Gesprächs bin ich damit beschäftigt, meine Zweifel bezüglich des Steigs zum Katzenstein zu verscheuchen. Im Internet hatte ich etwas von „Schlüsselstelle“ und „ausgesetzt“ gelesen und bin dementsprechend unsicher, ob ich das heute schaffen kann. Aber nachdem wir uns voneinander verabschiedet haben beschließe ich, einfach mal loszugehen. Umkehren kann ich allemal noch, wenn’s mir zu arg wird. Es ist ein erhebendes Gefühl, als ich in dieser wohlvertrauten Umgebung Neuland betrete. Schon oft hatten wir in der Familie darüber gesprochen, aber jetzt bin ich der erste, der den Katzenstein tatsächlich besteigen will.

Zunächst scheuche ich eine Schlange auf und erschrecke. Mir wird flau. War das ein Zeichen? Soll ich’s lassen und direkt über den Gassnersteig zur „Mairalm“ hinuntersteigen? Noch ist der Weg aber problemlos, also gehe ich weiter. Teilweise seilgesichert, beginnt der Steig mir sogar zunehmend Spaß zu machen. An einer Stelle geht es über unangenehm weit auseinander liegende Eisenbügel einen steilen Felsen hinunter. Einmal versteige ich mich, weil die Markierung irreführend angebracht ist, und mir wird ein wenig mulmig. Aber kaum, dass ich zum richtigen Weg zurückgefunden habe, kommt mir eine Frau entgegen und sagt mitfühlend: „Ist mir auch passiert, dabei bin ich den Weg so oft gegangen“. Die Markierungen sind zum Teil mit Text versehen: „so schen is“, „vageh di net“, „glei hau mas“. Während ich noch darauf warte, dass die schwierigste Stelle kommt, erreiche ich ein weiteres Schild: „in 3 min. Gipfeljause“. Hatte ich mich etwa verlesen und es gibt gar keine Schlüsselstelle? Tatsächlich: Drei Minuten später bin ich am Gipfelkreuz. Eigentlich ist mir nach einem lauten Freuden-Juchzer, so überwältigend ist die Aussicht. Stattdessen bin ich gehässig und schicke dem Bruder eine SMS mit der Information, wo ich gerade bin. Noch mehrfach werden wir an diesem Tag Kontakt haben, aber keine Spur von Neid, eher neugieriges Interesse zeigt er. Ich bleibe eine halbe Stunde am Gipfel und genieße den Blick hinüber zum Traunstein, dessen Gipfelkreuz von hier aus zum Greifen nah zu sein scheint, sowie den Blick zu den hohen Gipfeln auf der einen und ins Flachland auf der anderen Seite. Voralpen-Magie. Unten funkelt der Laudachsee wie ein tiefblauer Edelstein.

Beim Abstieg fühle ich mich körperlich deutlich besser als beim Aufstieg, so dass er ein reines Vergnügen ist. Der Forstweg, den man auf dem Gassnersteig überquert, ist längst nicht mehr so unübersichtlich wie ich ihn erinnere. Auch hier „Kyrill-Verwüstungen“, es sieht aus wie im Sauerland. Aber es steht eine Tafel hier, welche den Weg zur Mairalm weist. So etwas gibt es im Sauerland nicht, und schon bald erweisen sich meine angstvollen Zweifel als unbegründet: Die Hütte hat geöffnet.

Behaglich sitze ich an einem Tisch in der Sonne, genieße ein Radler und überlege, ob ich schon hier etwas essen soll oder doch erst nachher in der „Ramsau“. Ein Blick auf die Tafel mit dem gastronomischen Angebot beendet die Überlegungen schnell: „Schweinsbraten mit Speckkraut und Knödel“. Es schmeckt wie erwartet himmlisch (Reichlich Kümmel ist dem Kraut beigemengt, so mag ich es).

Später, auf dem Weg zu den Tunnels, kommt mir ein Lastwagen entgegen und wirbelt mächtig Staub auf. Ein paar Sekunden lang laufe ich durch Nebel.

Auf der anderen Seite der Brücke, am Einstieg zum Naturfreundesteig, sitzt eine alte Dame auf einem Felsstück und wartet mit mir auf den Shuttle-Bus, der wegen der Hangrutschung eingerichtet wurde. Warum er nötig ist, wird im Bereich zwischen den Tunnels deutlich: Im Minutentakt kommen LKWs an, die mit Hilfe eines Baggers entladen werden. Das schlammige Erdreich aus dem Gschlief wird über die steile Böschung hinuntergekippt. Für Fußgänger ist es hier viel zu gefährlich.

Es stellt sich heraus, dass die Dame heute auf dem Traunstein war. Ich beneidet sie. Die ganze vorige Woche hatte ich überlegt, ob ich nicht doch dort hinauf will. Der Verlauf des Tages hat aber gezeigt, dass es mir heute zu viel und zu anstrengend geworden wäre.

Unterwegs kommen wir am unteren Ende des Gschliefgrabens vorbei. Er ist abgeholzt, überall stehen Bagger und LKWs in der leergeräumten Fläche. Rund um die „Sepp-Stahrl-Hütte“, in der Berni und ich vor ein paar Jahren einen gemütlichen Abend verbracht haben und deren abgeschiedene, waldumgebene Atmosphäre wir so schätzten, sieht es jetzt aus wie auf einer Großbaustelle.

Ich bitte den Fahrer des Kleinbusses, mich an der Ramsau rauszulassen, „weil ich hab Durscht“. Dieser hat vollstes Verständnis und kommt meinem Wunsch unverzüglich nach. Direkt am Parkplatz steht ein Bauwagen, vor dem ein uniformierter Wachposten steht. Ab hier ist die Straße für den regulären Verkehr gesperrt und er passt auf, dass man sich daran hält. Eine Schranke steht dort ebenfalls.

Die Begrüßung im Gastgarten ist derart unaufgeregt-selbstverständlich, dass es mir so vorkommt als ob mein letzter Besuch hier vorige Woche gewesen wäre, dabei ist das mehr als drei Jahre her. Abgesehen von einer größeren Gruppe, die etwas zu feiern hat, sitzen kaum Leute an den Tischen unter den Bäumen. Nach einem schnellen Bier gehe ich hinüber zum Schiffsanleger, um die Füße ins kalte Wasser zu hängen und ein paar Minuten vor mich hin zu träumen. Mit geschlossenen Augen liege ich in der Sonne und lasse den Tag Revue passieren. Zurück im Garten bin ich dann unsicher, ob ich noch etwas essen will. Eigentlich bin ich satt vom Braten vorhin, aber auch hier genügt ein Blick auf das Angebot, und so steht bald erneut ein Teller mit Essen vor mir: Bachsaibling, in Butter gebraten, mit Zitrone und Kartoffeln, dazu ein Salat. Es schmeckt leicht und erfrischend und passt problemlos in mich hinein. Sinnierend sitzt ich dann da und genieße den Blick auf den See. Es wundert mich, dass ich das Spiel der Wellen und die Veränderungen des Lichts intensiver erlebe als bei früheren Besuchen. Bis mir einfällt, dass ich seit meiner Arbeit über James Benning nicht mehr hier war, seine Filme haben offensichtlich meine Wahrnehmung verändert. Später, auf dem Rückweg zur Stadt, komme ich an der Kurve vorbei, von welcher aus die Auffahrt zur damaligen Ferienwohnung abzweigt. Daran vorbeigelaufen drehe ich mich kurz um. Genau diesen Blick habe ich vor ein paar Wochen gemalt, es fühlt sich an, als würde ich in meinem eigenen Bild stehen. Nicht lange danach passiere ich die Bank, von der aus Mutter und wir Kinder jedes Jahr das Feuerwerk gegenüber bestaunten, während Vater in der Wohnung saß und die nächsten Touren plante. Am kleinen Laden, in dem wir oft einkauften, komme ich dann auch noch vorbei. Er ist inzwischen längst zu einer Garage umgebaut worden. Bei Weyer steht auf einem Parkplatz der Bus, mit dem ich vor ein paar Stunden gefahren bin. Der Fahrer und ich grüßen uns kurz, bevor ich mich die restliche Strecke zum Bahnhof hoch schleppe. 

Ein paar Tage später zeigt Ute mir eine SMS, die sie von ihrem Freund Bernhard bekam: „der Peter, der Arsch, ist gerade zwischen Scharte und Traunseeufer unterwegs“. 

Also doch neidisch. Zurecht. Das nächste Mal kommt er mit.

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