„Bahnhof“

Bahnhof
50/60 cm, 2001

Das Bild, wie ich in Fürstenwalde am Bahnhof stand und über die Eindrücke meiner ersten allein-Reise in die DDR nachdachte, während ich auf die Abholung durch Onkel E. wartete, ist mir noch sehr präsent. Die nötigen Unterlagen hatte ein Onkel in Dresden für mich beantragt.

„(…) Heute kamen Deine Einreisepapiere hier an, und ich schicke sie Dir postwendend. Du kannst nun in der angegebenen Zeit kommen, wie es Dir paßt und wie lange Du willst. An der Grenzübergangsstelle Gutenfürst mußt Du gleich das Geld tauschen für die Tage, die Du hier sein wirst. (…) Hoffentlich hattest Du nicht vor, motorisiert zu kommen; die Genehmigung dazu könnte ich nicht mehr einholen. Fahre man ruhig wie jeder Bürger mit der Bahn. (…) Und bring Du mal nix weiter mit! Höchstens ne Kleinigkeit für die lieben kleinen Kinderchen. Einen herzlichen Gruß (…)! Dein Onkel W.“ (Sein letzter Brief an mich. Er starb vor dem Mauerfall).

Güterwaggons blockieren die Sicht auf den Bahnhof. Beklommen sitze ich im Interzonenzug. Durchs Fenster beobachte ich Vögel, die am Himmel hin und her fliegen, als ob es Grenze und Todesstreifen nicht gebe. „Bitte aus dem Abteil treten“. Sitzplatzkontrolle. Die Schirmmütze mit der Hand am Kopf fixiert, sucht der Grenzbeamte nach verbotener Lektüre. Während er sich unter die Sitze beugt, stehen die Rockschöße seiner Uniform vom Hintern nach oben ab. Es sieht lächerlicher aus, als es die Situation ist. Danach dürfen die Reisenden wieder Platz nehmen und müssen ihre Monate vorher beantragten Dokumente vorzeigen. „… ist berechtigt, ein Visum zur einmaligen Einreise… zu empfangen“. Einreisekarte. Reiseziel. Zweck der Reise. Aufenthalt von – bis. Ausreisekarte. Zoll- und Devisen-Erklärung. Nach aufmerksamer Musterung des Lichtbildes im Reisepass und mißtrauischem Vergleich mit der realen Person, bekomme ich endlich die nötigen Stempel in den Pass geknallt: Visum zur Einreise, Aufenthaltsberechtigung, dazu den vom Grenzübergang (grün-braun, bei früheren Fahrten auch grün-lila, rot-blau, braun-blau, oder schlicht einfarbig schwarz. Offenbar unabhängig davon, ob in Probstzella, Hirschberg, Drewitz, Gutenfürst oder Bhf. Friedrichstraße). „M 15,- Verwaltungsgebühr“ als Briefmarke (mit Westgeld zu bezahlen), darüber ein Stempel mit dem heutigen Datum, und alles geschieht „i.A. Albrecht“ oder „i.A. Ziegler“ (ein weiterer Stempel). Über Plauen geht es endlich weiter.

Polizeistation in Dresden. Auf dem Platz nebenan liegt der Schuttberg, der einst die Frauenkirche gewesen war. Obligatorische Anmeldung. Diszipliniert und ordentlich stehen die Westbesucher in der Schlange. Danach macht Omas Bruder mit mir eine Rundfahrt. Während des unvermeidlichen Schlagloch-Slaloms zeigt er mir verbittert den allmählichen Verfall seiner Stadt. Mit M., einer seiner Töchter, erlebe ich am nächsten Tag die gleiche Bedrückung, dieses Mal zu Fuß.

Damals wusste ich noch nichts von dicken Stasi-Akten, in denen penibel notiert wurde, wie Vater und seine Geschwister sich beim Grenzübertritt verhielten. Wusste auch nichts von verwanzten Pfarrhäusern und abgehörten Telefonaten. Wusste nichts davon, dass auf Onkel H. bis zu siebzig Spitzel angesetzt waren, während seiner Zeit als Bischof. Immerhin wusste ich, dass ich die Grenzer, die im S-Bahnhof Friedrichsstraße mit Maschinenpistolen und scharfen Hunden patrouillierten, zum Kotzen fand.

Onkel D. erfuhr erst nach der Wende, dass das Verfahren gegen ihn (eingeleitet wegen Republikflucht, wenige Stunden, nachdem ein dänischer Frachter ihn und sein Faltboot auf der Ostsee eingesammelt hatte, durchsuchten die Staatsorgane bereits sein Elternhaus) im Zusammenhang mit den Ost-Verträgen längst eingestellt worden war. Lange Jahre hatte er es nicht riskiert, obwohl längst Bundesbürger, Eltern und Bruder zu besuchen. In der Polizeiakte Ost stand: „4. Der Beschuldigte wird nicht informiert“.

Jedes Jahr Manöver. Tiefflieger. Über die Frankenhöhe wälzten sich endlose Karawanen von Militärfahrzeugen. Viele Panzer. Nahtstelle der Systeme. Konfrontation der Blöcke. Kriegsfolge. Woody Allen sagte mal, dass er die Musik von Wagner nicht vertragen könne, es überkomme ihn dabei immer das dringende Bedürfnis, in Polen einzumarschieren.

In Ost-Berlin fahre ich mit dem „Durchläufer“, einer Regionalbahn, über Karlshorst und Erkner zum Besuch nach Fürstenwalde. Onkel E. holt mich am Bahnhof ab. Kurz darauf sitze ich bei Tante P. in der Küche des Pfarrhauses und freue mich über den warmherzigen Empfang. Die Kusinen kommen später dazu und ich bin ganz verwundert, wie vertraut mir alle sind, obwohl es viele Jahre her ist, dass wir uns zuletzt gesehen haben.

Zu einem weiteren Besuch fuhr ich ein Jahr später direkt nach Fürstenwalde: Mit der S-Bahn vom Bahnhof Zoo nach Friedrichstraße und dort durch den Tränenpalast. Enge, klaustrophobische Gänge. Oberhalb meines Kopfes ein Schlitz in einer Panzerglas-Scheibe, durch den ich meinen Pass schiebe. Nach langem Warten wird er mir wieder ausgehändigt und werden die Formalitäten erledigt. Durch labyrinthische Kellerwege gelange ich zu einer letzten Kontrolle. Der Bub aus Franken sagt „Grüß Gott“ und erntet ein selbstzufriedenes „Wennschnsähegewiss“ des Grenzers, den das Uniform-Tragen, bzw. die dadurch geborgte Macht, zum jovial-überheblichen Scherzen animiert.
Die Grenze hasse ich von Herzen. Warum soll es so kompliziert sein, Familie zu besuchen? Alle historischen, politischen, oder sonstwelche Erklärungen können mir gestohlen bleiben, eine scheiss Grenze ist das. Scheiss DDR.

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