„Landgasthof“

Landgasthof
66/100 cm, 2008

„Der Durst so mancher Wanderer ist legendär“ (Manuel Andrack)

Bier

Erneut bin ich im Sauerland, Wanderwochenende mit Jürgen. Wir treffen uns in Essen und fahren nach Siedlinghausen. Diesbezüglich fühle ich mich inzwischen als Experte und übernehme die Führung. Von Siedlinghausen aus gelangen wir über die Krämerhöhe ins Nachbartal, nach Niedersfeld. Als wir zu einem kleinen Flüsschen kommen erkundigt sich der gebürtige Essener, ob das die Ruhr sei. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber es könnte sein. Während er sich hinunterbeugt und die Hände ins Wasser hält, bekommt er einen selig-entrückten Ausdruck im Gesicht: „Dat isse“!

Nach der Tal-Durchquerung steigen wir in Richtung Neuer Hagen, zu einer Hochheide, die ich in dieser waldigen Gegend niemals vermutet hätte. Thomas hatte sie uns gezeigt, und weil es mir da gefiel, wollte ich noch mal hin. Am Clemensberg ist es heute windig und frisch. Ich erinnere mich, in welchem Zustand er, Steffi und ich neulich hier waren. Wir saßen am Rand der Heide und schauten von oben in einen riesigen Steinbruch. Nach einer langen Nacht mit Schlagermusik und alkoholischen Getränken fühlten wir uns, als wären wir in einem Kifferfilm gelandet: vollkommen verdreht, aber ausgesprochen lustig. Wir waren trotz unserer Brummschädel quietschvergnügt. Heute bin ich stocknüchtern, und nach kurzer Pause gehen wir weiter zum Langenberg. Wie neulich schon staune ich über das Ausmaß der Kyrill-Verwüstungen: riesige Schneisen, wo zuvor Wald war. Kaum ein Hügel, der nicht betroffen ist. Gewaltige Holzstapel an den Weg-Rändern. Manchmal muss man regelrecht klettern, weil kreuz und quer noch Stämme und Äste herumliegen. Die Sturmnacht muss apokalyptisch gewesen sein. Ich war damals in Heidelberg, wo man, abgesehen von ein paar kräftigen Böen, vom Orkan nichts mitbekam. Die Medien-Hysterie hielt ich für maßlos übertrieben.

Vom Langenberg aus zieht sich der Forstweg dann schnurgerade, sanft abfallend zum Richtplatz. Von dort aus genauso freundlich nach Bruchhausen. Wir überlegen, ob wir noch den Hügel hoch zum Aussichtspunkt „Bruchhauser Steine“ wollen. Weil die Beine schon etwas schwer sind, zweifeln wir. Schlussendlich machen wir es aber doch, die Neugier ist stärker als die Unlust. Allerdings bleibt der Begleiter unterhalb des Feldsteins zunächst erschöpft zurück. Ich hingegen, den Felsen vor mir sehend, muss sofort die dort hineingeschlagene Treppe hochsteigen, um mich an der Alpen-Assoziation zu erfreuen. Jürgen kommt später hinterher. Nach einer ausgiebigen Pause gehen wir ins Tal zurück, überqueren einen Bach, und zwischen Heidkopf und Ruthenberg hindurch führt uns der Weg nach Gierskopp. Dort durch eine Siedlung, am Waldrand entlang zur Roten Brücke, und endlich, grandioser Moment nach vielen Stunden Lauferei, kommt der „Schinkenwirt“ in Sicht, unser Nachtquartier. Leider unterschätzt man immer wieder die Länge des Weges, wenn man das Ziel direkt vor Augen hat. Zumal wenn, wie hier, die Straße leicht ansteigt. Nach Überwindung der Lästigkeit sitzen wir dann aber schließlich im Biergarten: erschöpft, verschwitzt, zufrieden. Und durstig. Nach deutlich mehr als einem Erfrischungsbier gehen wir hinauf ins Zimmer, um kurz zu duschen und frische Klamotten anzuziehen. Nachdem wir später reichlich gegessen haben, rächt sich Jürgen endgültig für das zuweilen schnelle Tempo, mit dem ich ihn durch die Wälder trieb, und füllt mich sauber ab. Sich selbst aber auch.

Der Abend endet damit, dass wir im Fernsehen „Szenen einer Ehe“ sehen. Es will mir irgendwann nicht mehr gelingen, den Blick zu fokussieren. Bald kapituliere ich und sehe die ernst dreinschauende Liv Ullmann dann halt doppelt.

Überraschend munter drehen wir am nächsten Morgen noch eine Abschlussrunde durch den Wald, bevor wir hinunter nach Olsberg gehen. Dort, am Bahnhof Bigge, ist fatalerweise ein Biergarten. Später, wir sitzen bereits fröhlich in der Bahn, bimmelt ein Getränkewagen an uns vorbei. Zunächst ignorieren wir ihn, aber nach einem kurzen Blick zum Gegenüber ist sofort klar, dass wir ihn doch noch her rufen werden.

Zurück in Essen, lässt seine Frau uns zur Strafe Sandsäcke schleppen.

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