„Schrozberg“

Schrozberg
61/75 cm, 2008
Auf dem Jakobsweg von Rothenburg ob der Tauber nach Schwäbisch Hall. Eine dreitägige drei-Generationen-Wanderung mit Vater, Bruder, Schwager, Nichte und Neffe. Das Gasthaus in Schrozberg ist uns besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben.

Wir erreichen Schrozberg. Eine Autofahrerin hält an und fragt, ob wir Pilger seien, weil die Pilger-Herberge sei zur Zeit unbesetzt und sie würde uns dann einen Schlüssel besorgen. Wie ein Pilger fühle ich mich nicht gerade, aber wir gehen diesen Weg, und somit sind wir es. Jedoch haben wir anderweitig gebucht. Als die nette Dame weiterfährt bemerke ich, dass sie offenbar die ortsansässige Friedensbewegte ist, denn auf der Motorhaube ihres Wagens prangt der klassische „AKW Nein Danke!“-Sticker, und hinten drauf der Indianerspruch plus Friedenstaube. 

Am Gasthaus begrüßt uns ein Schild: „Biergarten geschlossen“. Wir betreten das dunkle Haus und zucken zusammen: Ein lautes „Wau Wau“ empfängt uns, ein kleiner Plastikhund dient als Klingel-Ersatz. Der Wirt kommt aus der Tiefe des Raumes, bestätigt die Buchung der Zimmer und gibt Anweisungen: Badvorleger benutzen, Lampen ausmachen, und keinesfalls in den Zimmern rauchen, „weil wenn die Chefin was schmeckt, gibt’s Probleme“. Ich frage ihn später, wo er ursprünglich herkomme, denn schwäbisch rede er hörbar nicht. „Bayrischer Woid. Cham“. Aha. Den ganzen Abend beobachtet er uns von seinem Platz hinter der Theke, mit aufgestützten Ellenbogen lauscht er unseren Gesprächen. Genauso neugierig ist ein Stammgast am Nebentisch, der wegen uns auf ein, zwei Viertele länger bleibt als gewöhnlich. Mit großen Ohren sitzt er stumm da. Wir kommen uns vor wie Prüflinge. Sie testen uns. Wir werden examiniert. Die Köchin hatte einen Schlaganfall, so dass es nur eine eingeschränkte Speisekarte gibt. Teils nehmen wir Rehbraten mit Spätzle, teils Schnipo (Schnitzel mit Pommes). Die Kinder gehen dann auf ihr Zimmer. Wir Alten verhocken noch einige Stunden in der Gaststube. Nachdem wir etliche Halbe bestellt haben und allmählich deutlich wird, dass wir keine klassischen Jakobsweg-Pilger sind, da wir viel übers Bergsteigen reden und immer vergnügter werden, und nachdem Vater von seinen ersten schönen Dienstjahren in der Oberpfalz erzählt hat, haben wir die Prüfung mit Bravour bestanden. Zur Belohnung bekommen wir einen Kräuterschnaps aus der Heimat des Wirts spendiert. Er respektiert uns jetzt. Der Schnaps knallt gewaltig.

Nachts liege ich lange wach und werde von einer Mücke geplagt. Weit entfernt heult der Wagen eines Disco-Heimkehrers auf. Ich muss pinkeln, habe aber keine Lust aufzustehen. Lange hadere ich mit mir, aber irgendwann quäle ich mich dann doch aus dem Bett und über den Flur zum Gemeinschaftsklo.

Wir bekommen ein so reichhaltiges Frühstück serviert, dass sogar etwas zum Mitnehmen übrig bleibt. Mein Bruder war gestern von einer Biene gestochen worden und überlegt laut, ob er besser zu einem Arzt gehen solle. „A wa“! Zum Running Gag der nächsten Tage wird die gestrige Empfehlung des Wirts, Wandersocken nicht zu waschen, sondern allenfalls zur Trocknung auszulegen. Das verhindere Blasenbildung, „alter Gebirgsjägertrick“.

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